Im Podcast „Ach komm“ sprechen die Moderator:innen Ann-Marlene Henning und Karo Buhlert mit Hannah und Judith Burgmeier über ein bislang weitgehend ausgeklammertes Thema: Sexualität und geschlechtliche Vielfalt in der Pflege. Die beiden Gründer:innen des Bremer Pflegedienstes „vielfältig“ erläutern, warum das Thema im Gesundheitswesen quasi nicht existiere, obwohl es alle Lebensphasen betreffe. Sie beschreiben ihren Ansatz, Sexualität als selbstverständlichen Bestandteil ganzheitlicher Versorgung zu behandeln und dabei nicht allein auf heteronormative Normen zu fixieren. Dabei werde deutlich, dass Pflegebedürftigkeit nicht allein ein Thema des Alters sei, sondern Menschen zwischen 16 und 90+ Jahre betreffe. Die Diskussion zeige auf, wie strukturelle Diskriminierung im Gesundheitswesen dazu führe, dass queere Menschen sich erneut verstecken müssten oder erst am Lebensende mit ihrem gewählten Namen angesprochen würden.

Zentrale Punkte

  • Tabuisierung und Versorgungslücken im System Die Gästinnen behaupten, das Thema Sexualität existiere im pflegerischen Kontext faktisch nicht, obwohl es sich um eine menschliche Ressource handele, die alle betreffe. Sie hätten daher Deutschlands ersten Pflegedienst mit diesem Schwerpunkt gegründet, um Lücken zu schließen und das Tabu aufzubrechen.

  • Konsequente Sexualanamnese als Praxisstandard Im Gegensatz zum üblichen Standard im Gesundheitswesen werde bei ihnen die Sexualanamnese systematisch durchgeführt. Dabei werde explizit nach Partnerschaftsformen, Intimbedürfnissen und Hilfsmitteln gefragt, etwa ob ein Einlegerahmen für das Doppelbettschlafen sinnvoller sei als ein Einzelpflegebett.

  • Queere Identitäten am Lebensende und Diskriminierung Es werde geschildert, wie homosexuelle ältere Menschen in Pflegeeinrichtungen oft gezwungen seien, ihre Identität erneut zu verschweigen. Ein Fallbeispiel zeige, wie eine trans Person erst in den letzten zehn Tagen ihres Lebens mit dem gewählten Namen angesprochen worden sei, weil das Pflegeteam gezielt nach der Identität frage statt nach dem Ausweisnamen.

  • Umgang mit Körperlichkeit und die „Erlaubnis“ zur Intimität Erektionen bei Intimpflege oder Inkontinenzversorgung würden oft als bedrohlich oder schamvoll erlebt, sollten aber normalisiert werden. Die Gründer:innen erläutern, wie wichtig es sei, explizit zu kommunizieren und etwa Ehepaaren in der Palliativphase die physische Nähe zu ermöglichen, statt sie durch Rituale oder Raumaufteilungen zu trennen.

Einordnung

Die Episode leiste einen wichtigen Beitrag zur Sichtbarmachung einer marginalisierten Perspektive im Gesundheitswesen. Durch konkrete Fallbeispiele – etwa die trans Person, die erst am Lebensende mit ihrem gewählten Namen angesprochen werde, oder die Kommunikation bei Erektionen während der Pflege – werde abstrakte Theorie greifbar. Die