In dieser Episode des F.A.Z.-Podcasts diskutiert Moderatorin Corinna Budras mit dem Wirtschaftswissenschaftler Stefan Kolev. Anlass ist der erste Jahrestag der als handlungsunfähig beschriebenen Bundesregierung Merz. Vor diesem Hintergrund stellt Kolev gemeinsam mit Markus Brunnermeier ein umfangreiches Reformpapier vor, das Deutschland durch eine neue „Resilienz“ krisenfest machen soll. Im Zentrum des Gesprächs steht die Frage, wie sich Wirtschaft und Gesellschaft zu ständiger Veränderung verhalten. Das werde im Podcast als eine Frage der inneren Haltung, des „mentalen Modells“, verhandelt. Staatliche Absicherung und Vollkasko-Mentalität werden grundsätzlich als Hemmnis für diesen notwendigen Wandel beschrieben, während der Staat gleichzeitig als unverzichtbarer Puffer für Risiken gilt – ein Widerspruch, um den das Gespräch kreist. Geprägt wird die Unterhaltung von der Annahme, dass Deutschlands zentrale Herausforderung in der Abkehr vom Status Quo und einer Hinwendung zu mehr individueller und regionaler Flexibilität liege.

Zentrale Punkte

  • Umindustrialisierung statt Monokultur Der Begriff „Umindustrialisierung“ beschreibe die Notwendigkeit, alte Industrien loszulassen, statt an ihnen festzuhalten. Am Beispiel von VW in Zwickau zeige sich, wie die Abhängigkeit von einem Konzern eine ganze Region ihrer Widerstandskraft beraubt habe, vor allem wenn politische Faktoren anstelle von Wirtschaftlichkeit über das Fortbestehen von Werken entschieden.
  • Resilienz als gesellschaftliche Erneuerung Resilienz bedeute nicht bloße Rückkehr zum alten Zustand nach einer Krise, sondern ein schmerzhaftes „Hinfallen und Anders-Wiederaufstehen“. Dieses ständige Neu-Erfinden wird als zwingende Kompetenz für eine Gesellschaft beschrieben, die angesichts ständiger externer Schocks nicht mehr auf Stabilität setzen könne. Die geistige Haltung des Einzelnen sei hier der entscheidende Faktor.
  • Politik als Rahmen, nicht als Vollkasko Die vorgeschlagenen Reformen zielten darauf, Anreize für den Wechsel in bessere Jobs zu setzen und Mobilität auf dem Arbeitsmarkt zu fördern. Instrumente wie verlängerte Kurzarbeit behinderten diese Dynamik. Der Sozialstaat müsse erhalten, aber durch solide Finanzen zukunftsfest gemacht werden, wobei die Hauptverantwortung für Sicherheit und Wandel beim mündigen, unternehmerischen Individuum liege.

Einordnung

Das Gespräch bietet eine differenzierte Diskussion eines theoretischen Konzepts und dessen konkrete Übersetzung in politische Maßnahmen. Eine Stärke der Episode ist das engagierte Hinterfragen der Vorschläge durch die Moderatorin, die den potentiellen Vorwurf des Sozialstaatsabbaus direkt aufgreift und so zu einer Klarstellung zwingt. Die Diskussion legt so Widersprüche offen, etwa den zwischen erwünschter Flexibilität und der Angst der Menschen, die Kolev selbst als tief verwurzelt beschreibt. Die historische Parallele zur Transformationserfahrung Osteuropas in den 1990ern liefert einen aufschlussreichen Deutungsrahmen für das geforderte „Neu-Erfinden“.

Allerdings verbleibt die Analyse in einem ökonomischen Koordinatensystem, das Wettbewerbsfähigkeit und individuelles Unternehmertum als alternativlos setzt. Strukturelle Machtfragen – wer von der radikalen Veränderung profitiert und wer die Hauptlast trägt – werden nicht vertieft. Die Schuld für mangelnde Veränderungsbereitschaft wird maßgeblich in einer falschen „Mentalität“ der Bevölkerung verortet, die von der Politik zu sehr „bemuttert“ werde. Dieses Erklärungsmuster individualisiert systemische Probleme, wie etwa die im Gespräch selbst genannte politisch motivierte Werksschließung bei VW, und setzt unhinterfragt voraus, dass dauerhaftes Wachstum und privates Investorengeld die einzig gangbaren Wege aus der Krise sind. Die Perspektive derjenigen, deren alltägliche Existenz durch die geforderte „schöpferische Zerstörung“ nicht neu befähigt, sondern fundamental bedroht wird, bleibt im Gespräch weitgehend abstrakt.

Sprecher:innen

  • Corinna Budras – Moderatorin und F.A.Z.-Korrespondentin aus Berlin
  • Stefan Kolev – Ökonom, Leiter des Ludwig-Erhard-Forums, Berater des Bundeswirtschaftsministeriums