Die Live-Diskussion auf dem Kölner Forum für Journalismus Kritik kreist um die Regeln der medialen Aufmerksamkeit: Was wird zur Nachricht – und was fällt trotz Relevanz regelmäßig unter den Tisch? Verhandelt wird das am Beispiel der Correctiv-Recherche zu einem Treffen rechter Akteure in Potsdam, das massive Proteste ausgelöst hatte und juristisch weiter umkämpft ist. Als selbstverständlich wird dabei eine Notlage des Journalismus gesetzt: Redaktionen müssten unter wirtschaftlichem Druck und im Wettstreit um Reichweite auf großen Tech-Plattformen immer stärker die vermeintlichen Erwartungen ihrer zahlenden Zielgruppen bedienen. Dass darüber wichtige, aber weniger quotenträchtige Themen verdrängt werden könnten, bildet den Ausgangspunkt des Gesprächs.

Zentrale Punkte

  • Das umkämpfte Wort im Correctiv-Text Die Correctiv-Chefredakteurin argumentiere, dass sich die gerichtlichen Auseinandersetzungen und die politische Instrumentalisierung der Recherche auf ein einzelnes Wort im letzten Absatz des Textes – „Ausweisung“ statt „Vertreibung“ – verengten. Die rechte Szene und ihr wohlgesonnene Medien täten so, als würde dadurch die gesamte Geschichte in sich zusammenfallen. Der Kern der Recherche über deportationsähnliche Pläne bleibe davon jedoch unberührt.
  • Nachrichtenauswahl zwischen Quote und Gemeinwohl Die Themenauswahl vieler Medien folge einer wirtschaftlichen Logik: Bezahlschranken und Aboverkäufe erzeugten einen „inhärenten Druck“, der die Berichterstattung in Echokammern führe. Correctiv könne sich dem entziehen, weil es spendenfinanziert sei und keine Abos verkaufen müsse. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk sichere eine Grundversorgung, doch auch hier zwängen Algorithmen und gekürzte Etats zu einer Ausdünnung der Vielfalt.
  • Lokale Nachrichtenwüsten und Gegenstrategien Gerade im Lokaljournalismus, der als Kontrollinstanz vor Ort wirke, verschwänden durch Zeitungssterben und ausgedünnte Redaktionen ganze Themenfelder. Correctiv versuche mit einem Netzwerk aus 2.000 Lokaljournalist:innen gegenzusteuern, indem es zentral Basisrecherchen und aufwändig erlangte Behördenzahlen kostenlos zur Verfügung stelle. So ließen sich Geschichten über die legale Waffenbesitz-Quote von Rechtsextremisten bis in einzelne Gemeinden herunterbrechen.

Einordnung

Die Diskussion macht strukturelle Probleme des Nachrichtenmarktes anschaulich, indem sie die unterschiedliche Handlungsfreiheit eines spendenfinanzierten Recherchezentrums mit den Zwängen privatwirtschaftlicher Medien kontrastiert. Besonders die nüchterne Einordnung des Correctiv-Rechtsstreits – der Kampf um ein Wort bei gleichzeitig unbestrittener Substanz – zeigt, wie juristische Detailfragen politisch aufgeladen werden. Dass die Episode die prekäre Lage von Journalist:innen in Volontariaten oder bei den Filmkritiker:innen mit den Folgen gekürzter Rundfunkbeiträge in Verbindung bringt, verdeutlicht den Kreislauf aus politischer Entscheidung und ausgedünnter Berichterstattung.

Die zentrale – gleichwohl nie ausgeführte – These, dass wirtschaftlicher Druck zwangsläufig in eine Jagd nach immer neuen Skandalen münde, wird jedoch kaum mit konkreten Beispielen belegt. Die Frage, ob eine klare Trennung zwischen vermeintlichem Publikumswunsch und redaktioneller Verantwortung überhaupt möglich ist, bleibt damit etwas schematisch. Zudem wird der Blick auf das Publikum selbst nicht vertieft: Welche Rolle spielen Sehgewohnheiten und die aktive Vermeidung komplexer Themen durch die Nutzer:innen selbst? Eine Aussage der Correctiv-Chefredakteurin macht die dahinterstehende Dynamik deutlich: „Ich glaube ganz generell, dass im Journalismus halt nicht mehr so viel Geld investiert wird da rein […] Ganz ganz viele sitzen halt einfach nur am Computer und reproduzieren, was andere schon geschrieben haben.“ Das ist eine klare, aber nicht am empirischen Medienwandel geprüfte Setzung.

Hörempfehlung: Für alle, die verstehen wollen, wie die Finanzierung von Medien deren Themenauswahl prägt und warum nicht jede wichtige Geschichte zur Nachricht wird.

Sprecher:innen

  • Anette Dowideit – Chefredakteurin des gemeinnützigen Rechercheportals Correctiv
  • Hektor Haarkötter – Kommunikationswissenschaftler und Vorsitzender der Initiative Nachrichtenaufklärung
  • Michael Borgers – Moderator des Medienpodcasts „Nach Redaktionsschluss“