Rúrí, isländische Pionierin der Performancekunst, spricht mit Halla Harðardóttir über ihre 50-jährige Laufbahn. Die Episode "Rúrí: Regenbogen, Faschismus und die Unmöglichkeit, Liebe zu besitzen" spannt einen Bogen von ihrer Kindheit über frühe provokative Aktionen bis zu aktuellen Projekten in Vilnius und São Paulo. Die wichtigsten Erkenntnisse: ### 1. Der Regenbogen als unverkäufliches Symbol für Schönheit und Vielfalt Rúrí beschreibe, wie ihr Werk „Regnbogi“ 1983 als 17 Meter hoher Regenbogen begann, dann in einen Performance- und Videokunstzyklus mündete und heute als „pionierendes Werk europäischer Videokunst“ in der Tate Modern gezeigt werde. „Regnboginn er fyrir mér einmitt svona eins og táknmynd fyrir það sem við getum aldrei eignast, við getum aldrei selt eða keypt.“ ### 2. Die Dematerialisierung der Kunst als Widerstand gegen Konsumdenken Rúrí erkläre, dass sie seit den 1970er-Jahren mit dem „efnisleysi“ arbeite: „Það var einmitt dálítið rætt um á sínum tíma uh dematerialization of the art object.“ Kunst, die sich nicht kaufen lasse, erhalte eine tiefere Bedeutung. ### 3. Die Rolle der Künstlerin als politische Chronistin Ohne sich selbst als „gagnrýnin“ zu bezeichnen, sieht Rúrí ihre Aufgabe darin, gesellschaftliche Missstände sichtbar zu machen. Ihre frühen Werke wie das Zertrümmern eines goldenen Mercedes 1974 oder der Auftritt im US-Fahnen-Kleid kritisierten „efnahagslegu gæði“ und westliche Einflussnahme. ### 4. Die Verbindung von Naturerfahrung und globaler Verantwortung Die Zeit in Flatey lehrte ihr „auðmýkt gagnvart náttúrunni“ und die Erkenntnis, dass „jörðin sé lifandi vera“. Diese Perspektive präge ihre aktuellen Werke zu Naturkatastrophen und Kriegsfolgen. ### 5. Die Macht des Zufalls über Planung Rúrí berichte, wie sie spontan zur Schulleiterin in Flatey wurde: „Þarna var komið í óefni... ég segi við hann já ég gæti svo sem alveg unnið hér.“ Diese Offenheit für das Unvorhersehbare sei Teil ihrer künstlerischen Haltung. ## Einordnung In diesem kulturjournalistischen Format gelingt es Halla Harðardóttir, eine persönliche wie politische Künstlerbiografie zu zeichnen, ohne dabei in Hagiographie zu verfallen. Die Interviewerin stellt gezielt nach, lässt Rúrí aber auch ausführlich zu Wort kommen. Besonders bemerkenswert: Die beiläufige Art, wie Rúrí ihre feministischen und antiimperialistischen Positionen vermittelt – nie moralisierend, sondern aus der Erfahrung heraus. Die Episode versteht sich als Dokument der Zeitgeschichte: Die Künstlerin reflektiert ihre frühen Werke im Kontext von 1974 ebenso wie die aktuelle „fasistísk tilhneiging“ weltweit. Dabei bleibt die Szenerie isländisch, die Perspektive jedoch global. Die Aufnahme verzichtet auf überzogenes Pathos, was angesichts der teils schweren Themen (Krieg, Faschismus, Umweltzerstörung) erfrischend wirkt. Hörempfehlung: Ein ehrliches, weises Gespräch mit einer Künstlerin, die zeigt, dass politische Kunst nicht laut sein muss, um zu wirken.