Das Gespräch lotet aus, was von einer Politik übrig bleibt, die Städte als Gemeingut denkt, aber auf die Macht von Privateigentum und Markt trifft. Silke van Dyk blickt auf die achtjährige Regierungszeit von Barcelona en Comú zurück und fragt, warum der Anspruch, die Stadt grundlegend umzubauen, letztlich in einer Nischenpolitik stecken geblieben sei. Als zentrale Spannungslinie zieht sich die Eigentumsfrage durch die Unterhaltung. Die Analyse verhandelt das Verhältnis von Bewegung und Institution, von basisdemokratischem Aufbruch und Verwaltungsmacht und stellt die Frage, was aus gescheiterten Leuchtturmprojekten für zukünftige linke Stadtpolitik zu lernen sei.
Zentrale Punkte
- Mehr als alte Kommunalpolitik Der neue Munizipalismus knüpfe an die historische Idee öffentlicher Daseinsvorsorge an, verbinde sie aber mit radikaler Demokratisierung. Es gehe nicht nur um universale Versorgung auf städtischer Ebene, sondern um die Frage, wer über diese Versorgung entscheide. Ziel sei, Bürger:innen von Regierten zu Mitregierenden zu machen.
- Gemeingut scheitert an Eigentum Barcelona en Comú habe die Sozial- und Solidarwirtschaft gestärkt, etwa durch die Vergabe öffentlicher Räume an Kooperativen oder die Förderung genossenschaftlicher Strukturen. Sobald jedoch Privateigentum oder profitorientierte Interessen direkt herausgefordert wurden – etwa bei der Kommunalisierung der Wasserversorgung –, sei diese Politik politisch und rechtlich stets gescheitert.
- Die Doppelfalle: Idealisierung und Defätismus Van Dyk beobachtet international zwei problematische Reaktionen auf Barcelona: eine unkritische Idealisierung, die nicht genau hinschaue, was tatsächlich nicht funktioniert habe, und einen Defätismus, der das Projekt von vornherein als gescheitert abtue. Beides verhindere ein ehrliches Lernen aus den Erfahrungen.
Einordnung
Das Gespräch besticht durch eine nüchterne, undogmatische Bestandsaufnahme, die der Versuchung widersteht, politische Projekte entweder zu glorifizieren oder vorschnell abzuhaken. Silke van Dyk macht präzise sichtbar, woran eine linke Stadtregierung scheitert: nicht an mangelnder Vision, sondern an der schieren Wucht von Eigentumsordnungen, EU-Wettbewerbsrecht und einer Verwaltung, die auf Bewegungspolitik nicht eingerichtet ist. Besonders wertvoll ist die Unterscheidung zwischen einem „Insourcing" demokratischer Beteiligung und einem „Community Kapitalismus", der zivilgesellschaftliches Engagement als Lückenbüßer für eine ausgehöhlte öffentliche Daseinsvorsorge instrumentalisiert. Diese analytische Schärfe löst den Nebel auf, der oft um basisdemokratische Projekte wabert.
Allerdings bleibt die Diskussion ganz auf Barcelona fixiert. Andere munizipalistische Experimente – etwa in Madrid oder Zagreb – kommen kaum vor, was den Anspruch, allgemeine „Learnings" zu formulieren, etwas unterfüttert. Auch werden die konkreten sozialen Auswirkungen der beschriebenen Politik nur gestreift: Was bedeuteten die erhöhten Sozialausgaben für Wohnungslose? Wer profitierte von den Superblocks und wer wurde verdrängt? Die Beschreibung bleibt hier abstrakt. Die Rolle wissenschaftlicher Begleitung wird betont, aber die Frage, für wen diese Forschung eigentlich gedacht ist – für Aktivist:innen oder für akademische Debattenzirkel –, hängt am Ende etwas unklar in der Luft.
Hörempfehlung: Für Hörer:innen, die sich für Stadtpolitik jenseits von Wahlkampf und Verwaltungslogik interessieren und bereit sind, Ambivalenzen auszuhalten, ein lohnendes, von Sachkenntnis getragenes Gespräch.
Sprecher:innen
- Silke van Dyk – Soziologin, Universität Jena, forscht zu Munizipalismus und Eigentum in Barcelona