Auf der NATO-Zukunftskonferenz in Berlin herrscht eine eigentümliche Spannung: 250 Expert:innen simulieren Szenarien für das Jahr 2045, während die Gegenwart der Allianz von Grund auf erschüttert wird. Rixa Fürsen spricht mit der Politikwissenschaftlerin Florence Gaub über die Frage, wie ein Bündnis planen soll, dessen wichtigster Partner es immer wieder infrage stellt.
Gaub setzt eine historische Brille auf: Die aktuelle Krise zwischen den USA und Europa sei nichts Neues, sondern wiederhole sich mindestens einmal pro Jahrzehnt. Sie argumentiert, Sicherheit habe nichts mit Werten oder Moral zu tun, sondern sei eine Frage einzelstaatlicher Interessen. Die Abhängigkeit Europas von amerikanischen „Strategic Enablern“ sei kein Problem Donald Trumps, sondern ein Versäumnis früherer europäischer Regierungen. So werde die Krise als eine technische Frage der Verteidigungsausgaben gerahmt, nicht als eine politische der gemeinsamen Wertebasis.
Zentrale Punkte
- Geschichte als Beweis für Resilienz Die NATO habe seit ihrer Gründung immer wieder existenzielle Krisen durchlebt – keine schlimmer als die jetzige. Immer habe das Bündnis überlebt, weil die Europäer unter Druck ihre Hausaufgaben machten und diplomatische Kanäle hinter den Kulissen griffen. Die Botschaft: Auch diesmal müsse man nur genug investieren und durchhalten.
- Sicherheit statt Werte Das Bündnis funktioniere im Kern „unideologisch“. Die Gründung mit Militärdiktaturen wie Portugal belege, dass gemeinsame Sicherheitsinteressen schwerer wiegen als demokratische Prinzipien. Die Rhetorik über gemeinsame Werte sei weniger entscheidend als das Eigeninteresse der Staaten, das letztlich alle zusammenhalte.
- Strategische Eigenverantwortung als Antwort Die Abhängigkeit von US-Fähigkeiten wie den Tomahawk-Raketen wird als europäisches Politikversagen dargestellt. Frühere Regierungen hätten bewusst auf Schwäche gesetzt, um die USA in Europa zu halten. Das Rezept: Nicht moralisch argumentieren, sondern eigene militärische Lücken schließen, um nicht länger „Opfer von Manipulationen“ zu sein.
Einordnung
Der Dialog bringt eine wohltuend enthistorisierende Perspektive in die aufgeregte Debatte um Trump. Gaubs Verweis auf historische NATO-Krisen – von Kissingers „die NATO ist tot“ 2003 bis zu Besetzungsplänen der Azoren – zeigt, dass das Bündnis undemokratische Momente und tiefe Zerwürfnisse immer überstanden hat. Das ist ein kluger Einwand gegen die Neigung, jede Krise für beispiellos zu erklären. Auch der Hinweis, dass militärische Planung Jahrzehnte vorausdenken muss, während politische Aufmerksamkeit im Tagesgeschehen gefangen ist, leuchtet ein.
Gleichzeitig bleibt die Analyse eigentümlich technokratisch. Dass Sicherheit „nichts mit Werten zu tun“ habe, wird als Prämisse gesetzt, ohne zu fragen, ob diese Entkopplung nicht selbst ein politisches Projekt ist. Die Argumentation läuft auf eine Logik hinaus: Wenn Europa nur genug aufrüstet, wird sich das Verhältnis zu Washington normalisieren. Ausgeblendet bleibt, dass die US-Regierung unter Trump strategische Lücken nicht nur bemängelt, sondern aktiv als Druckmittel einsetzt – selbst nachdem die Europäer ihre Ausgaben erhöhen. Ein aussagekräftiger Moment ist, wie über die Sprache der Eigenverantwortung gesprochen wird: „Ich glaube, Sicherheit hat nichts mit Werten zu tun, auch nichts mit Moral, sondern jeder Einzelstaat sorgt sich um seine eigene Sicherheit“. Das ist keine Beschreibung, sondern eine normative Setzung, die das Fundament des Bündnisses radikal umdefiniert – von einer Wertegemeinschaft zu einer bloßen Interessenszweckgemeinschaft.
Hörempfehlung: Für alle, die verstehen wollen, wie innerhalb der NATO-Bürokratie versucht wird, die Trump-Krise durch historische Einordnung und technisches Management einzufangen – weniger als Antwort auf die politische Dimension des Problems.
Sprecher:innen
- Rixa Fürsen – Host des POLITICO Security Updates, berichtet von der NATO-Konferenz
- Florence Gaub – Zukunftsforscherin am NATO Defense College Rom, Trägerin des Helmut-Schmidt-Preises