In dieser Episode von „Kaffee, extra schwarz“ geht es um Antisemitismus an deutschen Hochschulen. Gastgeber Ahmad Mansour und Oliver Mayer-Rüth sprechen mit der Sozialwissenschaftlerin Elisabeth Schilling, die gemeinsam mit anderen ein Buch über die Erfahrungen jüdischer und nicht-jüdischer Lehrender nach dem 7. Oktober 2023 herausgegeben hat. Der Diskussion liegt die Annahme zugrunde, dass es sich bei den geschilderten Vorfällen nicht um Einzelfälle handle, sondern um Ausdruck einer tieferliegenden, seit Jahrzehnten gewachsenen ideologischen Verschiebung im akademischen Milieu. Schilling beschreibt, dass antisemitische Aggressionen an Universitäten nicht nur von außen oder von Studierenden ausgingen, sondern auch von Kolleg:innen – und dass viele Hochschulen damit überfordert seien.
Zentrale Punkte
- Physische Gewalt im Hörsaal Schilling berichte von einem Fall, bei dem eine jüdische Frau während einer Vorlesung von einer Aktivistin tätlich angegriffen und schwer verletzt worden sei. Die Angreiferin habe sie an den Haaren zu Boden gerissen und ihr ein Schädeltrauma zugefügt. Niemand im Saal sei eingeschritten; stattdessen sei das Opfer später selbst als Angreiferin angezeigt worden.
- Das „Schneeballsystem“ einer Ideologie Schilling vertrete die These, dass sich seit den 1970er Jahren – ausgehend von Autoren wie Edward Said – ein antiisraelisches Gedankengebäude an Hochschulen ausgebreitet habe. Israel werde darin pauschal als Kolonialprojekt und Apartheidsstaat dargestellt. Diese Sichtweise sei über Jahrzehnte hofiert worden und habe nach dem 7. Oktober ihre gewalttätigen Konsequenzen gezeigt.
- Unterschwelliger Antisemitismus unter Lehrenden Neben physischen Übergriffen schildere Schilling einen alltäglichen Antisemitismus im Kolleg:innenkreis. Jüdische Lehrende würden in undurchsichtigen Verfahren benachteiligt, gedoxt oder mit Fotos ihrer Kinder auf Flugblättern eingeschüchtert. Auch nicht-jüdische Unterstützer:innen seien massiven Anfeindungen ausgesetzt.
Einordnung
Die Episode gewinnt ihre Stärke aus der Konkretisierung eines oft abstrakt diskutierten Problems. Schilling bringt Fallbeispiele, die das Ausmaß der Bedrohung für Betroffene greifbar machen – darunter den erschütternden Bericht eines tätlichen Angriffs, bei dem die Umstehenden nicht eingriffen. Diese Schilderungen machen deutlich, dass es sich nicht um bloße Meinungsverschiedenheiten, sondern um physische Gewalt und systematische Einschüchterung handelt. Die Herausgeberin eines Sammelbandes mit 62 Autor:innen liefert zudem eine empirische Basis, die über anekdotische Evidenz hinausgeht.
Allerdings bleibt die Analyse stark auf die Feststellung des Problems beschränkt, ohne dessen strukturelle Ursachen innerhalb der Hochschulen zu vertiefen. Die Argumentation, dass sich seit Edward Said ein ideologisches „Schneeballsystem“ ausgebreitet habe, wird zwar benannt, aber nicht mit konkreten Mechanismen unterfüttert – etwa wie genau postkoloniale Theorie in Antisemitismus umschlägt oder welche institutionellen Faktoren das Wegschauen begünstigen. Zudem werden propalästinensische Positionen und Israelkritik in der Darstellung so eng mit Antisemitismus verknüpft, dass Differenzierungen zwischen legitimer Kritik an israelischer Politik und judenfeindlichen Motiven kaum Raum erhalten. Die Schilderungen der Gastgeber:innen beziehen sich überwiegend auf den 7. Oktober als Zäsur, ohne zu thematisieren, welche spezifischen Dynamiken die Radikalisierung an Hochschulen begünstigen.
Hörempfehlung: Für Hörer:innen, die verstehen wollen, wie sich Antisemitismus jenseits abstrakter Debatten konkret im Hochschulalltag äußert, bietet diese Episode aufschlussreiche und beunruhigende Einblicke.
Sprecher:innen
- Ahmad Mansour – Autor und Psychologe, Experte für Islamismus und Antisemitismus
- Oliver Mayer-Rüth – Journalist, Moderator des BR-Podcasts „Kaffee, extra schwarz“
- Elisabeth Schilling – Professorin für Sozialwissenschaften, Mitherausgeberin des Buches „Ausnahmezustand“