In der zweiten Hälfte dieses Hörkombinat-Gesprächs geht es um die Frage, was politisch gegen die Wohnkrise getan wird – und warum das bisherige Vorgehen kaum Wirkung zeigt. Die journalistische Recherche, die Balz Örtli vom WAV Recherchekollektiv und Nina Graf von Züri.ca vorstellen, hat die Besitzverhältnisse von Zürcher Wohnraum kartiert und analysiert, wer von geplanten Regelungen profitieren würde. Im Kern wird verhandelt, dass der Boden in Zürich längst ein Spekulationsobjekt ist, dessen Wertsteigerung vor allem jenen zugutekommt, die bereits besitzen – während die öffentliche Hand trotz jahrelanger linker Regierung das selbstgesteckte Drittelziel für gemeinnützigen Wohnraum nicht erreicht. Als selbstverständlich gesetzt wird dabei, dass die bestehenden Instrumente der Stadt – wie die Bau- und Zonenordnung – innerhalb der Logik des Marktes operieren müssen.

Zentrale Punkte

  • Das unerreichte Drittelziel Die Stadt Zürich wolle bis 2050 ein Drittel des Wohnraums in öffentlicher oder genossenschaftlicher Hand haben, liege aber seit Jahren bei etwa 28 Prozent. Trotz aufgestockter Budgets für Immobilienkäufe würden Ankäufe immer wieder an der Frage scheitern, ob der Preis zu hoch sei, was als Grund für die Stagnation dargestellt werde.
  • BZO-Gewinner sind die Besitzer Gemäß der Analyse von Örtli und Graf würden von der neuen Bau- und Zonenordnung vor allem die profitieren, die bereits Boden besitzen – mehrheitlich Privatpersonen und kommerzielle Akteure. Die Stadt habe bei der Planung bewusst nicht berücksichtigt, wem der Boden gehöre, sondern setze auf Auflagen für preisgünstigen Wohnraum.
  • Henning Condle: Ein Privater mit über 1000 Wohnungen Als größter privater Wohnungsbesitzer Zürichs tauche Henning Condle in der Recherche auf: 1253 Wohnungen an über 135 Standorten. Er habe sein Vermögen allein mit Immobilien aufgebaut und es gebe dokumentierte Nähe zur AfD, an die er mutmaßlich verdeckte Parteispenden geleistet habe – und zur SVP, die ihn als Gönner verdanke.

Einordnung

Die Stärke der Episode liegt in ihrer empirischen Fundierung: Die Grundbuchrecherche macht abstrakte Debatten über Wohnungsmärkte an konkreten Beispielen greifbar, etwa wenn 1253 Wohnungen einer einzelnen Privatperson gegenübergestellt werden. Auch strukturelle Zusammenhänge – wie das Konzept der unverdienten Bodenrente oder die Wechselbeziehung zwischen Aufzonung und Verdrängung in bereits belasteten Quartieren – werden verständlich vermittelt. Dass am Ende klar Position bezogen wird („Boden darf keine Ware sein“), ist im Rahmen des Genres kenntlich gemacht und politisch transparent.

Kritisch bleibt anzumerken, dass die Diskussionen um die Wirksamkeit politischer Instrumente stark vereinfachen. Die Bau- und Zonenordnung wird fast ausschließlich danach bewertet, ob sie den Besitzenden nützt – ihre städtebaulichen, ökologischen oder sozialen Abwägungsdimensionen treten dagegen in den Hintergrund. Auch fehlt eine Erklärung, warum das Drittelziel trotz linker Mehrheiten nicht erreicht wird, jenseits des Hinweises auf zu hohe Preise. Die Person Condles fungiert ein Stück weit als pars pro toto für ein vermutetes rechtes Netzwerk im Immobiliensektor, ohne dass dies belegt werden soll – was eher den Charakter eines starken Verdachtsmoments annimmt. Die Stärke der Analyse liegt nicht in der politischen Auseinandersetzung mit der Wohnkrise, sondern darin, die Verteilungsfrage so konkret wie selten aufzuschlüsseln, wie hier: „Wohnraum ist keine Ware.“ (Moderator am Ende der Episode)

Sprecher:innen

  • Elvira Eisenring – Moderatorin und Co-Host von Hörkombinat Politik
  • Dominik Tussek – Moderator und Co-Host von Hörkombinat Politik
  • Balz Örtli – Journalist, WAV Recherchekollektiv
  • Nina Graf – Journalistin, Züri.ca