Martin Fehrensen spricht mit dem ARD-KI-Experten Gregor Schmalzried über die Frage, wie sich Wissensarbeit verändert, wenn KI Inhalte nicht nur sortiert, sondern selbst produziert. Ausgangspunkt ist Fehrensens eigener Umbau seines Newsletters: Er setze nun weniger auf News-Aggregation, dafür stärker auf Analyse und Persönlichkeit – eine Reaktion auf die Sorge, dass KI ihm zunehmend die Arbeit abnehmen könne. Schmalzried bestätigt den Kurs und argumentiert, dass eine klar erkennbare Perspektive das sei, was KI nicht liefern könne. Das Gespräch kreist um die Gegenüberstellung zweier technischer Logiken: dem passiven Feed, der Inhalte ungefragt in die Timeline spült, und dem antwortenden Chatbot, der nur auf Eingabe reagiert. Als selbstverständlich gesetzt wird dabei, dass Persönlichkeit und Vertrauen die entscheidenden Ressourcen seien, um im Wettbewerb mit unendlich generierbaren Inhalten zu bestehen.

Zentrale Punkte

  • Perspektive als Strategie Was KI nicht ersetzen könne, sei eine eigene Perspektive. Ein Podcast oder Newsletter werde nicht wegen der reinen Informationssammlung abonniert, sondern weil Menschen einer bestimmten Sichtweise über längere Zeit vertrauten. Darauf sollten sich Wissensarbeiter:innen jetzt ausrichten.
  • Vom Feed zum Prompt Social Media habe eine Entwicklung vom aktiven zum passiven Konsum durchlaufen. Die Nutzer:innen seien algorithmischen Feeds ausgeliefert, die suggerierten, man tue etwas, während man sich eigentlich nur darin verliere. KI-Chatbots funktionierten anders: Sie antworteten nur auf Anfrage und verlangten daher eine aktivere, bewusstere Haltung.
  • Hoffnung auf Mäßigung Anders als Social-Media-Feeds, die Menschen mit extremen Ansichten weiter an die Ränder ziehen könnten, hätten KI-Chatbots potenziell eine moderierende Wirkung. Wer mit einer radikalen Position komme, bekomme in der Regel eine ausgleichende Antwort – ein Effekt, den es im Plattformzeitalter so nicht gegeben habe.

Einordnung

Das Gespräch lebt von präzisen Unterscheidungen und konkreten Beispielen aus der eigenen Arbeitspraxis. Besonders produktiv ist die Gegenüberstellung von Feed und Chatbot als zwei grundverschiedene Modi der Techniknutzung – nicht nur als technische Differenz, sondern als Frage von Aktivität versus Passivität, von Mündigkeit versus Ausgeliefertsein. Beide Sprecher bringen ihre Erfahrungen als Nutzer und Produzenten ein, was die Argumentation nachvollziehbar macht.

Allerdings bleibt die Diskussion in einem auffällig optimistischen und privilegierten Raum. Die Annahme, dass sich Wissensarbeit durch „Persönlichkeit“ und geschicktes Prompten gegen KI behaupten könne, betrifft vor allem eine Schicht, die bereits Zugang zu entsprechenden Ressourcen, Netzwerken und Publikum hat. Die Frage, was mit jenen geschieht, deren Arbeit nicht auf Perspektive und Vertrauen setzen kann, wird nicht gestellt. Zudem fehlt eine kritische Einordnung der ökonomischen Kräfte: Wenn Werbung in Chatbots Einzug hält, dürfte die gerühmte Aktivität schnell wieder in neue Abhängigkeiten kippen – ein Einwand, der nur gestreift wird. Die Plattformlogik, die man überwinden will, ist wirtschaftlich nicht einfach verschwunden.

Hörempfehlung: Für alle, die selbst mit Texten, Recherche und redaktioneller Arbeit zu tun haben und verstehen wollen, wo KI tatsächlich unterstützen kann – und wo sie an Grenzen stößt.

Sprecher:innen

  • Martin Fehrensen – Host; Autor des Social Media Watchblog, beobachtet Plattformen und digitale Gesellschaft
  • Gregor Schmalzried – Gast; ARD-KI-Experte, Mitentwickler des KI-Podcasts, Autor von „Wir, aber besser"