Im Gespräch mit Alexander Matzkeit erläutert Maria Exner, Intendantin des Berliner Hauses Publix, wie sie sich ein Innovationszentrum für gemeinwohlorientierten Journalismus vorstellt. Das Gebäude vereine rund 30 fest ansässige Organisationen – von Recherche-Kollektiven wie dem „Korrektiv“ bis zu zivilgesellschaftlichen Initiativen – und solle durch geteilte Infrastruktur und zufällige Begegnungen neue Projekte anstoßen.
Exner betont die Bedeutung einer distanzierten „Helikopterperspektive“, wie sie die Forschung einnehme. Die Medienbranche hätte sich viel zu lange nicht fragen müssen, ob ihre Arbeit eigentlich wirke. In ihrem parallel stattfindenden Vortrag auf der re:publica argumentiert sie, dass im aktuellen Hype um Künstliche Intelligenz sehr viel Ressource in Werkzeuge fließe, ohne dass klar sei, ob am Ende ein besseres Produkt für die Gesellschaft stehe. Erste wissenschaftliche Beobachtungen zeigten sogar, dass sogenannte KI-Tools neue menschliche Arbeit schafften, statt alte freizusetzen. Was es stattdessen brauche, seien politische Fördergelder für eine echte Transformation der Branche.
Zentrale Punkte
- Ein Kraftzentrum für gemeinnützigen Journalismus
Publix verstehe sich als ein Co-Working Space mit einer demokratischen Mission. Das hochwertig ausgestattete Gebäude solle gezielt jene Organisationen zusammenbringen, die Journalismus nicht vom Markt her dächten, sondern von der Frage, was die Demokratie benötige. - KI-Einsatz als Effizienz-Mythos
Die große Hoffnung, KI werde zeitraubende Routinetätigkeiten übernehmen und dadurch Kapazitäten für besseren Journalismus schaffen, hält Exner laut aktueller Forschung für unbelegt. Es entstehe vielmehr ein Mehraufwand an menschlicher Kontroll- und Zuarbeitsleistung rund um die Technik. - Polarisierung als selbsterfüllende Prophezeiung
Die ständige Berichterstattung über eine angebliche gesellschaftliche Spaltung verstärke beim Publikum den falschen Eindruck eines zerrütteten Konsenses. Exner verweist auf eine Studie, die vorschlage, Artikel mit einordnenden Triggerwarnungen zu versehen und moderate Dialogräume zu eröffnen.
Einordnung
Das Gespräch bietet eine dichte Beschreibung eines ungewöhnlichen Infrastrukturprojekts, das die Krise des Journalismus nicht durch Appelle, sondern durch das Stiften eines physischen Raumes und neuer Querverbindungen bearbeiten will. Die Stärke liegt in der Verknüpfung von konkreten Beispielen – etwa der Entwicklung eines unabhängigen Journalismus-Satelliten – mit strukturellen Fragen. Exner argumentiert durchgehend aus einer praxisnahen, aber forschungsinteressierten Perspektive und benennt die mangelnde Wirksamkeitsmessung in Redaktionen als historische Leerstelle. Der Moderator hakt an den richtigen Stellen nach, etwa bei der Frage, woran genau eine weniger polarisierende Berichterstattung ansetzen könne.
Kritisch bleibt, dass keine externen Perspektiven auf Publix selbst zu Wort kommen. So wirkt das Haus primär als ein von einer Stiftung finanzierter, gut ausgestatteter Thinktank, ohne dass die Gefahr thematisiert wird, dass solche Leuchtturmprojekte die Konzentration finanzstarker Akteure im Mediensystem fortschreiben, anstatt es in der Breite zu verändern. Die Begriffe „Gemeinwohlorientierung“ und „Helikopterperspektive“ werden als unproblematische Ziele gesetzt, ohne zu fragen, wessen Definition von Gemeinwohl sich darin durchsetzt und ob der wissenschaftliche Blick von oben nicht selbst ein spezifisches Machtverhältnis ist. Die Beziehung zu klassischen, gewinnorientierten Verlagen bleibt trotz Nachfrage vage. Ein Satz aus dem Transkript zeigt die argumentative Klammer: Eine Institution soll zeigen, „wie sollen Medien eigentlich sein, damit sie der Gesellschaft dienen und nicht nur einzelnen Inhabern?“ Hier gerät der Anspruch sehr absolut, was die Frage aufwirft, ob das Haus diesen Sprecherinnen-Anspruch selbst einlösen kann.
Hörempfehlung: Für alle, die verstehen wollen, welche alternativen Betriebssysteme für Journalismus jenseits der Verlagslogik aktuell konkret erprobt werden und welche Argumente gegen den KI-Hype die Forschung bereithält.
Sprecher:innen
- Maria Exner – Intendantin von Publix, zuvor Chefredakteurin des ZEITmagazins
- Alexander Matzkeit – Host des Grimme/EPD-Podcasts „Läuft“, Moderator der Medienkritik