In dieser Episode des FALTER-Podcasts diskutiert Tessa Szyszkowitz mit der Sicherheitsexpertin Jana Puglierin die Frage, wie Europa sich künftig verteidigen kann. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass die USA unter der zweiten Trump-Regierung nicht länger bereit seien, die Hauptlast für die Sicherheit des Kontinents zu tragen. Die Diskussion rankt sich um Puglierins Buch „Wer verteidigt Europa" und geht von der konkreten Zwickmühle im Iran-Krieg bis zu einem fiktiven russischen Angriff auf das Baltikum im Jahr 2029. Dabei wird eine bemerkenswerte Widersprüchlichkeit offengelegt: Einerseits gelte es, sich aus der „erpresserischen" Abhängigkeit von den USA zu befreien; andererseits sei genau diese Abhängigkeit derzeit so tief, dass ein radikaler Bruch unmöglich erscheine – man laufe in Berlin und anderen Hauptstädten „wie auf rohen Eiern". Statt einer gemeinsamen europäischen Armee plädiert Puglierin für pragmatische Kooperationen innerhalb des bestehenden NATO- und EU-Rahmens.

Zentrale Punkte

  • Erpresserische Abhängigkeit von den USA Die Europäer seien bei Aufklärung, Luftbetankung und Nuklearwaffen massiv von den USA abhängig. Die Trump-Administration verknüpfe diese Abhängigkeiten offen, etwa mit der Forderung nach einer Beteiligung am Iran-Krieg, und setze die Verbündeten damit massiv unter Druck.
  • Rüstungsnationalismus statt Kooperation Die größte Gefahr der aktuellen Aufrüstung liege darin, dass überschüssiges Geld nationale Industrieprojekte fördere, statt Interoperabilität zu schaffen. Es drohe eine Fortsetzung der ineffizienten Fragmentierung, bei der selbst baugleiche Waffensysteme mit Munition eines anderen Landes nicht kompatibel seien.
  • Worst-Case-Szenario 2029 Ein fiktives Szenario beschreibe, wie eine geschäftsführende, innenpolitisch gelähmte Bundesregierung und ein französischer Präsident vom Rassemblement National auf einen russischen Angriff im Baltikum reagieren könnten. Es diene als Warnung vor der Illusion, die 2026 eingeleitete Aufrüstung werde angesichts anderer Krisen durchgehalten.
  • Unbehagen an der nuklearen Abschreckung Nukleare Eigenständigkeit über Frankreich und Großbritannien sei unzureichend, eine EU-Atombombe hält Puglierin für „absurd". Gleichzeitig erzwinge ein neues, unreguliertes Nuklearzeitalter – geprägt von massiver chinesischer und russischer Aufrüstung – diese Diskussion, trotz aller pazifistischen Grundhaltungen in Europa.

Einordnung

Die Stärke des Gesprächs liegt in der nüchternen Analyse der konkreten militärisch-logistischen Abhängigkeiten. Puglierin zeichnet ein detailreiches und realistisches Bild des Kooperationsproblems, indem sie nicht nur das politische Wollen, sondern auch technokratische Hürden und industrielle Partikularinteressen benennt. Die intellektuelle Ehrlichkeit, mit der sie das Fehlen einfacher Lösungen – ob europäische Armee oder EU-Nuklearwaffen – eingesteht, unterscheidet die Diskussion von plakativer Sicherheitsrhetorik.

Die Perspektive bleibt jedoch streng technokratisch. Es geht ausschließlich um die Organisation militärischer Fähigkeiten und industrieller Kapazitäten. Die Grundannahme, dass mehr und bessere Waffen – richtig organisiert – Europas Sicherheit erhöhen, wird nicht hinterfragt. Gesellschaftliche Kosten der Aufrüstung oder zivile, friedenspolitische Alternativen kommen nicht vor. Ebenso bleibt die Frage ungestellt, wessen Sicherheit hier eigentlich organisiert wird: Die der Bevölkerungen oder die einer transatlantischen Sicherheitselite? Das Unbehagen am Nuklearen wird zwar thematisiert, aber letztlich nur im Rahmen einer erweiterten Abschreckungslogik verhandelt. Zuspitzend zeigt sich dieser Widerspruch in einer Aussage zur aktuellen Geldflut im System: „Es ist eigentlich zu viel Geld im System momentan, weil das wieder dazu führt, dass die Länder ihre eigenen Projekte, die sie vorher nicht machen konnten, weil es kein Geld gab, jetzt doch machen." (Jana Puglierin) – Hier wird das tiefsitzende Strukturproblem sichtbar: Geld allein heilt keine Fragmentierung, es kann sie sogar vertiefen.

Hörempfehlung: Eine lohnende, faktenreiche Analyse für alle, die über die Schlagzeilen hinaus verstehen wollen, warum Europas Verteidigungsfähigkeit weit mehr als eine Frage des Geldes ist.

Sprecher:innen

  • Jana Puglierin – Leiterin des Berliner Büros des European Council on Foreign Relations (ECFR)
  • Tessa Szyszkowitz – Journalistin, FALTER