Was tun, wenn die Rechten an der Macht sind? Dieser Frage widmet sich die Miniserie des Podcasts „Was tun?“ und spricht dafür mit Aktivist:innen aus Ländern, die diese Erfahrung bereits gemacht haben. In der ersten Folge interviewt Valentin die polnische Klimaaktivistin Dominika Lasota. Sie berichtet von ihren Jahren im Widerstand gegen die nationalkonservative PiS-Regierung und beschreibt eine ambivalente Dynamik: Unter der rechten Bedrohung sei die Mobilisierung einfacher gewesen, der Widerstand habe eine klare Richtung gehabt. Heute, unter der Mitte-links-Regierung von Donald Tusk, mache sich dagegen Frustration breit – viele Menschen fühlten sich wie gelähmt in einem „geschmacklosen Pudding“. Die zentrale These der Folge lautet daher: Linke müssten nicht nur verstehen, wie man Rechte bekämpft, sondern auch, warum sie für manche Wähler:innen attraktiv sind.
Zentrale Punkte
- Mobilisierungsparadox unter rechter Herrschaft Lasota argumentiere, dass der Kampf gegen die PiS-Regierung – trotz Überwachung, Korruption und systematischem Demokratieabbau – eine starke Widerstandsbewegung hervorgebracht habe. Die akute Bedrohung durch eine klar identifizierbare Gegnerin habe progressive Kräfte geeint und mobilisiert.
- Gezielte Ansprache junger Frauen Die Kampagne „Wschód“ habe sich bewusst auf die spezifische Gruppe junger Frauen in ländlichen Regionen konzentriert, die zwar progressiv eingestellt seien, aber seltener wählten als junge Männer. Durch Workshops, Diskussionen und eine eigene Ansprache sei es gelungen, die Wahlbeteiligung genau dieser Gruppe auf ein Rekordhoch zu treiben und so den Machtwechsel mitzuermöglichen.
- Ernüchterung nach dem Wahlsieg Nach dem Regierungswechsel habe sich Desillusionierung breitgemacht: Die neue Regierung Tusk sei unfähig, grundlegende Reformen umzusetzen, weil ein PiS-Präsident als Blockade wirke. Der einstige Kampfgeist sei einem Gefühl der Stagnation gewichen – und genau das mache eine langfristige Perspektive für Bewegungen so schwierig.
Einordnung
Der Podcast leistet einen wichtigen Perspektivwechsel, indem er über Ländergrenzen hinweg auf konkrete strategische Erfahrungen blickt. Statt allgemein vor der AfD zu warnen, fragt er: Was passiert danach? Lasotas selbstkritischer Rückblick – etwa die Einsicht, sich nicht nur auf Wahlen verlassen zu dürfen – gibt wertvolle Impulse für eine realistischere linke Strategiedebatte. Auch ihr Hinweis, rechte Wahlerfolge nicht allein als Ausdruck von Hetze, sondern auch von sozialen Versprechen zu lesen, ist analytisch ergiebig. Die Stärke der Episode liegt darin, eine international informierte, strategisch zugespitzte Reflexion zu bieten, die über bloße Alarmstimmung hinausgeht.
Allerdings operiert die Diskussion innerhalb geteilter aktivistischer Selbstverständlichkeiten und hinterfragt diese kaum. Die Annahme etwa, wirtschaftliche Unsicherheit führe quasi zwangsläufig zur Anfälligkeit für rechte Angebote, wird als gegeben gesetzt – ebenso wie die romantisierte Erzählung von der Arbeiter:innenklasse, die in den 1990ern von neoliberalen Eliten „verraten“ worden sei. Ausgeblendet bleibt, dass die PiS-Wähler:innen nicht nur passive Opfer falscher Versprechungen sind, sondern auch aktiv autoritäre Politik stützen. Die Einordnung, warum junge Männer in Polen nach rechts tendieren, fällt sehr knapp aus. Zudem fehlt eine kritische Reflexion darüber, ob die rein auf Wahlbeteiligung zielende Kampagne nicht selbst zu einer Entpolitisierung beiträgt, indem sie Mobilisierung auf den Wahlakt verengt.
Hörempfehlung: Für Zuhörer:innen, die strategische Lehren aus internationalen Bewegungserfahrungen ziehen wollen und bereit sind, auch über scheinbare Erfolge hinaus kritisch nachzudenken, lohnt sich diese Episode besonders.
Sprecher:innen
- Valentin Ihßen – Co-Host des Podcasts, führt das Interview mit Dominika Lasota
- Dominika Lasota – Polnische Klimaaktivistin, war an der Kampagne „Wschód“ zur Mobilisierung junger Wählerinnen beteiligt