Drei Gäste, drei Erklärungsansätze – und eine Moderatorin, die den Widerspruch sucht. Vicky Spratt spricht mit einer Psychologin, einem Jugendforscher und einer Autorin über die Frage, warum so viele junge Menschen in Großbritannien von psychischen Problemen berichten. Es geht um Diagnosen, Erwerbslosigkeit und die Folgen des Aufwachsens mit sozialen Medien. Dabei wird eine generationelle Verunsicherung sichtbar, die der Podcast nicht allein als individuelles, sondern auch als strukturelles Problem behandelt. Die Diskussion bewegt sich zwischen der Sorge vor einer inflationären Krankheitszuschreibung und der Kritik an prekären Lebensverhältnissen – und setzt dabei voraus, dass beides zusammengedacht werden muss, ohne die Frage aufzulösen, wo die Verantwortung am Ende liegen soll.
Zentrale Punkte
- Zwei Geschichten des Anstiegs Die steigenden Diagnosezahlen seien, so die Psychologin, Folge einer doppelten Entwicklung: Zum einen werde tatsächlich mehr psychisches Leid erfahren, zum anderen habe sich die Art, über innere Not zu sprechen, kulturell so stark verändert, dass heute nahezu jede Belastung in der Sprache der Psychiatrie beschrieben werde.
- Erlernte Hoffnungslosigkeit Der Forscher beschreibt bei jungen Menschen eine grundlegende Erwartungslosigkeit gegenüber der eigenen Zukunft. Wohnungskrise, stagnierende Löhne und ein Arbeitsmarkt voller unsicherer Beschäftigungsverhältnisse hätten bei 16-Jährigen bereits die Überzeugung verfestigt, es im Vergleich zur Elterngeneration nie zu Wohlstand und Sicherheit zu bringen.
- Simulierte Verbundenheit als Falle Die Autorin argumentiert, dass soziale Medien nicht nur süchtig machten, sondern gemeinschaftliche Grundbedürfnisse scheinbar befriedigten und dadurch die Fähigkeit schwächten, echte Nähe und lokale Zugehörigkeit zu suchen. Weil viele ohnehin ohne stabile familiäre oder religiöse Anker aufwüchsen, träfen die Plattformen auf eine besonders schutzlose Generation.
Einordnung
Die Episode leistet eine differenzierte Zusammenschau von Erklärungsansätzen, indem sie nebeneinander stellt, was im öffentlichen Diskurs häufig gegeneinander ausgespielt wird: kulturellen Wandel, materielle Unsicherheit und technologische Umwälzung. Alle Gäste argumentieren aus ihrer eigenen Erfahrung oder Forschung heraus, und die Moderatorin hakt nach, wo Widersprüche entstehen – etwa beim Spannungsfeld zwischen Resilienzforderung und Strukturkritik.
Was die Diskussion jedoch nicht leistet, ist eine Politisierung der benannten Strukturen. Zwar wird der Wohnungsmarkt erwähnt und prekäre Arbeit kritisiert, aber die Frage, wer von diesen Verhältnissen profitiert und welche politischen Entscheidungen sie hervorbringen, bleibt außen vor. Die Analyse verharrt damit auf einer Ebene, die das Leiden junger Menschen zwar benennt, aber die Machtfrage nicht stellt. Ein Satz der Psychologin bringt diese Ambivalenz auf den Punkt – und zeigt zugleich, wie hier eine Entwicklung beklagt wird, ohne nach den Treibern zu fragen: „It's like we've had this awareness, all the willingness to talk about it, and then the backlash has started before we've actually improved the problem."
Hörempfehlung: Hörenswert für alle, die verstehen wollen, warum die Debatte um die Psyche der Gen Z nicht mit einfachen Antworten („Snowflakes“) zu haben ist.
Sprecher:innen
- Vicky Spratt – Moderatorin der Gen-Z-Serie bei The Rest Is Politics
- Dr. Lucy Folkes – Psychologin, spezialisiert auf psychische Gesundheit Jugendlicher
- Shuab Gamote – Forscher, Mitautor von “Inside the mind of a 16 year old”
- Freya India – Autorin von “Girls, The Commodification of Everything”