Der Newsletter des progressiven Autors von „Überleben im 21. Jahrhundert“ nimmt eine ebenso kluge wie ungewöhnliche Umdeutung vor: Er will den Begriff der Sauberkeit aus seiner konservativen Umklammerung befreien und als progressives, transformatives Politikkonzept etablieren. Ausgehend von einer tief empfundenen Beobachtung des alltäglichen Verfalls in Berliner Straßenzügen, wie entlang der Hochbahn zwischen Schlesischem und Halleschem Tor, kritisiert er die gegenwärtige politische Verwaltungslogik fundamental. Diese, so seine zentrale These, denkt den Menschen vom Staat her und nicht umgekehrt, sei geprägt von einer Marktlogik, die kommerzielle Orte wie den Kurfürstendamm bevorzugt, und einer Privatisierungslogik, die zentrale Aufgaben demokratischem Zugriff entziehe. Das Ergebnis sei eine „energetische Entleerung des Verständnisses von öffentlichem Raum und gelebter Gemeinschaft“.
Der Autor stellt dieser veralteten Ordnung sein eigenes Modell gegenüber: Sauberkeit als „Collective-Action-Problem“. Darin offenbaren sich nicht nur die Defizite des jetzigen Systems, sondern scheinen auch die „Möglichkeiten – und auch Erfordernisse – der neuen Ordnung auf“. Um dieses Potenzial freizulegen, vollzieht er eine gründliche ideengeschichtliche Reinigung des Begriffs. Er zitiert von Mary Douglas’ anthropologischer Einsicht, dass Schmutz das Nebenprodukt jeder Ordnung sei, über Richard Sennetts psychoanalytisch-politische Feier der Unordnung als Befreiung, bis hin zu Klaus Theweleits und Zygmunt Baumans Verknüpfung von Reinheitsphantasien mit faschistischer Psychodynamik und der Moderne. Überzeugt davon, dass wir nicht mehr in der von diesen Denker:innen beschriebenen mechanischen Moderne, sondern in einem organischen Paradigma der Krisen leben, sieht er den Weg frei für eine neue demokratische Praxis. Als praktischen Versuch lobt er die von Linken-Politiker:innen wie Ferat Koçak und Niklas Schenker initiierte „Tour de Müll“, die er nicht als neoliberale Privatisierung missversteht, sondern als bewusste „Vergemeinschaftung von Verantwortung“. Deutlich wird seine Forderung: „Das, was von oben kommt, aus der organisierten Politik, muss anders gedacht, geplant, kommuniziert und umgesetzt werden, sehr viel offener und gemeinschaftlicher. Und das, was von unten kommt, muss in mehr Verantwortung füreinander eingebunden sein.“ Letztlich soll Sauberkeit zur Blaupause für eine neue politische Architektur der Gemeinsamkeit werden.
Einordnung
Die argumentative Eleganz des Textes liegt in seiner Fähigkeit, ein auf den ersten Blick randständiges oder gar spießiges Thema – die verdreckte Straße – zum Nukleus einer grundsätzlichen Demokratietheorie zu machen. Der Autor schreibt aus einer klar progressiven, intellektuellen Berliner Perspektive, die die regierende CDU und deren sicherheitspolitische Ansätze im Görlitzer Park offen kritisiert und gleichzeitig die eigene politische Linke zu mehr Kreativität antreibt. Die implizite Annahme ist dabei ebenso zentral wie fragil: Dass mehr gemeinschaftliche Verantwortungsübernahme fast automatisch zu einer besseren, legitimeren Ordnung führt. Ausgeblendet bleibt weitgehend die Frage, wie genau eine solche breite, verbindliche Partizipation in einer fragmentierten, oft überlasteten Stadtgesellschaft gegen konkrete Hindernisse wie Gleichgültigkeit, Zeitmangel oder rivalisierende Nutzungsansprüche durchgesetzt werden soll. Die spärliche Resonanz auf die erwähnte Müllsammelaktion wird eher als Beleg für das Neue und zu Lernende entschuldigt, nicht als mögliches Zeichen fehlender Masse für den großen Wurf. Trotz dieser Leerstellen ist der Essay für alle, die an einer Verzahnung von fulminanter Systemkritik, theoretischer Fundierung und konkretem urbanpolitischem Denken interessiert sind, eine anregende, zuweilen brillante Lektüre.