Die Episode konfrontiert zwei unvereinbare Weltsichten: Auf der einen Seite das renditeorientierte Denken kommunaler Energieversorger und die politische Logik der Emissionsbilanzen, auf der anderen Seite die gewachsene Beziehung der Sami zu einem Land, das nicht ihnen gehört, sondern dessen Teil sie sind. Die samische Künstlerin und Aktivistin Camilla Therese Karlsen zeichnet eine direkte Linie von der jahrhundertelangen Assimilierungspolitik Norwegens zur heutigen Enteignung von Weideflächen für Windkraftanlagen. Als selbstverständlich gilt in dieser Darstellung, dass die Sami nicht grundsätzlich gegen erneuerbare Energien seien, aber die konkrete Umsetzung in ihren Gebieten eine Fortsetzung kolonialer Praktiken darstelle. Ein zentraler Vorwurf: Die Stadtwerke München hätten sich durch Investitionen in norwegische Windparks eine saubere Statistik erkauft, während der Strom vor Ort verbraucht werde und die Zerstörung in Sápmi bleibe.
Zentrale Punkte
- Grüne Energie als koloniale Tarnung Karlsen zufolge würden norwegische Behörden die „grüne Wende“ als Begründung nutzen, um samische Gebiete für Windparks zu enteignen – eine Fortsetzung der Kolonisierung, nun mit einem ökologischen Vorwand, obwohl die Natur dabei massiv beschädigt werde.
- Die Ohnmacht der Rentierhaltung Windturbinen auf den Wanderrouten der Rentiere erzeugten Lärm und sich bewegende Schatten, die die Tiere extrem stressten und vertrieben, argumentiert Karlsen. Dadurch werde die nomadische Lebensweise der dortigen Sami-Familien existenziell bedroht.
- Münchens saubere Bilanz auf Kosten anderer Die Stadtwerke München seien drittgrößter Windenergieproduzent in Norwegen und hätten sich eingekauft, um die eigenen Klimaziele auf dem Papier zu erreichen, erklärt die Aktivistin. Der in Sápmi erzeugte Strom fließe jedoch gar nicht nach Deutschland, sondern werde vor Ort zurückverkauft – es handle sich um reine Emissionsverrechnung.
Einordnung
Die Stärke dieses Beitrags liegt darin, dass er einer Perspektive Raum gibt, die in der deutschen energiepolitischen Debatte praktisch nicht vorkommt. Anstatt nur abstrakt über „Akzeptanzprobleme“ zu sprechen, macht Karlsen die konkreten Folgen der Windparks für Rentierherden, Wasserverschmutzung und die Zerstörung von Orten erfahrbar, an denen samische Sprache und spirituelle Praxis haften. Die Episode leistet zudem konkrete Aufklärungsarbeit, indem sie die finanzielle Verstrickung der Stadtwerke München offenlegt und ein vor Ort stattfindendes politisches Treffen ankündigt. Der Moderator hakt an den richtigen Stellen nach und lässt Karlsen Zeit, komplexe Zusammenhänge wie den Unterschied zwischen Eigentum und Zugehörigkeit zum Land zu erklären.
Deutlich wird jedoch eine argumentative Leerstelle, wenn es um die Alternativen geht: Die Aussage, dass es „andere Lösungen“ für nachhaltige Energie „eigentlich schon lange“ gebe, bleibt völlig unkonkret. Gleiches gilt für die technischen Behauptungen über giftige Öle in den Turbinen – sie sind weder belegt noch werden sie kritisch eingeordnet. Die Darstellung, dass die Münchner:innen keine Windräder vor der eigenen Haustür wollten und die Anlagen deshalb nach Norwegen „ausgelagert“ würden, vereinfacht die realen planungsrechtlichen Hindernisse (10H-Regelung, fehlende Flächen) zu einer moralischen Scheinheiligkeit. In der Sache ist das ein starkes Argument, in der Präzision bleibt es zu plakativ.
Hörempfehlung: Für alle, die verstehen wollen, wie deutsches Kapital an der Zerstörung indigener Lebensweisen beteiligt ist, bietet diese Episode einen seltenen und dringend nötigen Perspektivwechsel.
Sprecher:innen
- Kevin Kaisig – Moderator, Nord Süd Forum München e.V.
- Camilla Therese Karlsen (Bidda Bidda Elle Márjjá) – Samische Künstlerin und Aktivistin, Gründerin von Ulv & Ugle