In dieser Episode von Kippunkt Ost geht es um ein politisches Phänomen, das auf den ersten Blick widersprüchlich wirke: die Verbindung von Umweltbewusstsein mit rechtsextremer Ideologie. Die Moderatorinnen Katharina Wader, Juli Katz und Heike Klefner sprechen mit der Politikwissenschaftlerin Natascha Strobl und dem Journalisten Johannes Grunert über Ökofaschismus und Ökorassismus sowie über völkische Siedler:innen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Als selbstverständlich werde dabei gesetzt, dass ökologische Themen wie Regionalität und Nachhaltigkeit von der extremen Rechten gezielt instrumentalisiert würden, um rassistische und völkische Positionen anschlussfähig zu machen. Besonders der ländliche Raum erscheine dabei als ideologisch stark aufgeladener Ort, der einerseits romantisch verklärt, andererseits als besonders anfällig für rechte Unterwanderung dargestellt werde. Birgit Lohmeyer berichte aus dem als „Nazidorf" bekannten Jamel über ihren Widerstand und die Organisation des Festivals „Jamel rockt den Förster".

Zentrale Punkte

  • Ökofaschismus als strategische Umdeutung Der Begriff der Nachhaltigkeit werde von extrem rechten Akteur:innen umgedeutet und mit Vorstellungen von Bevölkerungskontrolle verbunden, so Natascha Strobl. Aus der Idee, mit der Umwelt bewusst zu leben, werde eine Argumentation für Abschottung: wenn nur noch eine bestimmte Zahl von Menschen in einem Land lebe, sei das „nachhaltig" – ein Denken, das direkt zu rassistischen Selektionsvorstellungen führe.

  • Völkische Landnahme als gezielte Strategie In ländlichen Regionen Ostdeutschlands siedelten sich völkische Gruppen besonders erfolgreich an, weil dort Immobilien günstig, staatliche Kontrolle schwach und demokratischer Widerstand gering seien. Die Siedler:innen unterwanderten gezielt Dorfgemeinschaften, etwa durch Engagement in Feuerwehr oder Handwerk, und verbreiteten dabei ein nationalsozialistisch geprägtes Weltbild unter dem Deckmantel ökologischen Bewusstseins.

  • Ökorassismus und globale Ungleichheit Die von Ciani-Sophia Höder geprägte Perspektive des Ökorassismus zeige, dass Klimafolgen nicht zufällig, sondern entlang kolonialer und rassistischer Muster verteilt seien. Der globale Süden leide überproportional unter einer Krise, die der globale Norden verursache – wer sich vor dem Klimawandel schützen könne, werde durch Hautfarbe und Herkunft bestimmt.

  • Widerstand im „Nazidorf" Jamel Birgit Lohmeyer berichte von 21 Jahren Bedrohung, Brandstiftung und Einschüchterung in Jamel, wo ein Rechtsextremer gezielt völkische Siedler:innen rekrutiert habe. Ihr Festival „Jamel rockt den Förster" und zivilgesellschaftliches Engagement seien bewusste Gegenstrategien, um das Dorf nicht kampflos aufzugeben.

Einordnung

Die Episode leistet eine dichte Verknüpfung von wissenschaftlicher Analyse, journalistischer Expertise und persönlicher Erfahrung. Natascha Strobls politikwissenschaftliche Definition von Ökofaschismus wird mit Johannes Grunerts Recherche-Wissen über konkrete völkische Strukturen in Ostdeutschland und Birgit Lohmeyers Widerstandspraxis verbunden. Das schafft Anschaulichkeit und macht deutlich, wie abstrakte ideologische Muster in lokalen Lebensrealitäten wirksam werden. Besonders stark ist, wie die Moderatorinnen Alltagsbeispiele – vom Honigkauf bis zur Autowerkstatt – nutzen, um die schleichende Normalisierung völkischer Positionen sichtbar zu machen.

Auffällig ist, dass die Dominanz der AFD- und völkischen Perspektive in der Analyse breiten Raum einnimmt, während die Frage, warum Teile der ländlichen Bevölkerung für diese Angebote empfänglich sind, kaum eigenständig thematisiert wird. Die ökonomischen und strukturellen Probleme – mangelnder ÖPNV, Abgehängtsein – werden zwar benannt, aber überwiegend als Einfallstor für rechte Instrumentalisierung gedeutet, nicht als eigenständige Erfahrung ernst genommen. Auch die Rolle konservativer Parteien, die ähnliche Narrative bedienen, wird eher angedeutet als vertieft. Für eine kritische Einordnung wäre relevant, wie sich die spezifisch völkische Besetzung von Begriffen wie „Heimat" oder „regional" von anderen konservativen Deutungen unterscheidet – und wo Anschlussfähigkeiten über das rechtsextreme Spektrum hinaus bestehen.

Hörempfehlung: Die Episode lohnt für alle, die verstehen wollen, wie Rechtsextreme Umweltthemen besetzen und warum der ländliche Raum Ostdeutschlands dabei eine besondere Rolle spielt – eine dichte Mischung aus Analyse und Praxis.

Sprecher:innen

  • Katharina Wader – Moderatorin von Kippunkt Ost
  • Juli Katz – Moderatorin, recherchiert zu völkischen Siedlern in MV
  • Heike Klefner – Moderatorin, befasst sich mit Rechtsextremismus in Sachsen-Anhalt
  • Natascha Strobl – Politikwissenschaftlerin, Expertin für Faschismus und Konservatismus
  • Johannes Grunert – Journalist, Rechtsextremismusexperte, schreibt u.a. für die taz
  • Birgit Lohmeyer – Festivalveranstalterin in Jamel, Widerstand gegen völkische Landnahme