Die sogenannte Gegenwart: Warum wir “organisch” leben wollen – das neue Buch von Giulia Enders
Nina Pauer und Lars Weisbrod diskutieren Giulia Enders' "Organisch" und den Trend zur popkulturellen Infantilisierung des Körpers.
Die sogenannte Gegenwart
95 min read5045 min audioIn dieser Episode des ZEIT-Feuilletonpodcasts „Die sogenannte Gegenwart“ diskutieren die Redakteur:innen Nina Pauer und Lars Weisbrod das Buch „Organisch“ der Bestsellerautorin Giulia Enders. Zunächst arbeiten sie sich im popkulturellen „Gegenwartscheck“ an orthopädischen Knierollern und schmalen Nullerjahre-Brillen ab, bevor sie sich der literarischen Analyse widmen.
Dabei betrachten sie das Buch weniger als medizinischen Ratgeber, sondern primär als Zeitgeist-Phänomen. Im Zentrum steht die Untersuchung von Enders' Erzählstrategien: Wie werden komplexe biochemische Prozesse personalisiert und metaphorisch auf gesellschaftliche Debatten übertragen? Als grundlegende Setzung der Autorin kristallisieren die Hosts dabei den unhinterfragten Glaubenssatz heraus, dass im Körper – und damit auch im gesellschaftlichen Zusammenleben – alles letztlich einen evolutionären Sinn ergebe.
### Zentrale Punkte
* **Erfolgsrezept der Personalisierung**
Pauer analysiere, dass Enders Organe personalisiere und Empathie für den Körper einfordere. Dies treffe eine gegenwärtige Sehnsucht nach basaler Didaktik und Entlastung.
* **Metaphorische Übertragungen**
Weisbrod lege dar, dass biochemische Vorgänge im Buch auf gesellschaftliche Fragen wie Klima oder Arbeitswelt übertragen würden, wobei oft eine ökonomische Leistungslogik mitschwinge.
* **Zirkuläre Bildsprache**
Die Reduzierung komplexer Wissenschaft auf verkindlichende Sprache werde kritisiert. Metaphern wie laufende Muskelzellen liefen logisch ins Leere und erklärten die eigentliche Chemie nicht.
* **Hierarchie von Körper und Geist**
Ein Kernkonflikt entzünde sich an Enders' These, Emotionen stünden über der Vernunft. Weisbrod verwehre sich gegen diese biologische Reduktion und verteidige den philosophischen Geistesbegriff.
### Einordnung
Die Episode überzeugt als scharfsinnige Diskursanalyse eines populärwissenschaftlichen Bestsellers. Pauer und Weisbrod dekonstruieren erfolgreich die narrativen Strategien moderner Ratgeberliteratur. Sie machen sichtbar, wie eine gezielte sprachliche Verharmlosung ein geradezu infantiles Verhältnis zum eigenen Körper normalisiert. Besonders stark ist die Analyse, wie der Intellekt zugunsten eines biologischen Determinismus kulturell abgewertet wird – von Enders bezeichnenderweise als „Herumdenkidenki“ gerahmt. Schwächen zeigen sich, wenn die Diskussion stellenweise stark im rein Anekdotischen verharrt. Die potenziell problematischen gesellschaftlichen Implikationen von Enders' holistischen Körper-Metaphern werden im Gespräch zwar erfreulich präzise gestreift, aber nicht ganz systematisch ausformuliert.
**Hörempfehlung**: Lohnenswert für alle, die sich für die kulturwissenschaftliche Dekonstruktion von Ratgeberliteratur und die Analyse gegenwärtiger Körperdiskurse interessieren.
### Sprecher:innen
* **Nina Pauer** – Feuilleton-Redakteurin bei der ZEIT
* **Lars Weisbrod** – Feuilleton-Redakteur bei der ZEIT