Der Gitarrist Axel Fischbacher stellt in der "Jazz-Zeit" sein neues Album "Normal II" vor – eine Quintett-Aufnahme, die er als rein künstlerische, nicht geschäftliche Entscheidung beschreibt. Das Gespräch bewegt sich zwischen der detaillierten Erläuterung musikalischer Konzepte und Fischbachers grundsätzlichen Überlegungen zur gesellschaftlichen Rolle von Jazzmusiker:innen. Dabei wird eine Haltung deutlich, die handwerkliches Können betont, aber pathetische Bedeutungsaufladung von Musik ablehnt. Fischbacher verknüpft die Entstehungsgeschichte des Albums, das ursprünglich für ein Festival zu 1700 Jahren jüdischem Leben in Deutschland konzipiert wurde, mit einer persönlichen pazifistischen Überzeugung, die er dem – so seine Wahrnehmung – verbreiteten Schweigen in der Jazzszene zu politischen Konflikten entgegensetzen möchte.

Die Zusammenarbeit zwischen deutschen, ukrainischen und israelischen Musiker:innen wird nicht als politisches Konzept verstanden, sondern als gelebte Normalität, die für sich selbst spreche. Aus dieser Haltung heraus sei das von Hand gemalte Peace-Zeichen auf dem Cover keine plakative Botschaft, sondern eine Konsequenz des gemeinsamen Musizierens. Zugleich betont Fischbacher, dass Musik nicht einem politischen Ziel untergeordnet werden dürfe; die Aussage liege in der Musik selbst und darin, dass sie "miteinander und nicht gegeneinander" gemacht werde.

Zentrale Punkte

  • Album als künstlerische Notwendigkeit Das Album "Normal II" sei keine geschäftliche, sondern eine rein künstlerische Entscheidung gewesen. Fischbacher habe nach mehreren gitarrenbetonten Projekten bewusst wieder ein Album veröffentlicht, bei dem er die Gitarre funktional im Bandkontext sehe und andere Solist:innen in den Vordergrund stelle.
  • Improvisation ohne Vorführcharakter Der Saxofonist Oha Talmore und die Sängerin Tamara Lukasheva werden als herausragende Improvisator:innen beschrieben, die Musik nicht zur Selbstdarstellung nutzten. Fischbacher betont, dass ihre Kunst darin liege, Klischees zu vermeiden und der Musik zu dienen, anstatt das Publikum emotional zu lenken.
  • Normalität als politische Haltung Die ursprüngliche Idee, deutsche und jüdische Musiker:innen zusammenzubringen, sei als Statement gegen die Besonderung dieser Zusammenarbeit gedacht gewesen. Angesichts aktueller Kriege habe Fischbacher das Projekt um ein pazifistisches Signal erweitert und kritisiert ein "breit angelegtes Schweigen" in der Jazzszene zu politischen Themen.
  • Gegen den Geniekult der Musik Fischbacher plädiert für eine Musik, die "den Zuhörer in Ruhe lässt" und keine Gefühle vorschreibt. Er grenzt sich von bedeutungsschwerer Attitüde ab und sieht im Blues ein Vorbild für eine Kunst, die große Gefühlskraft besitzt, ohne das Gefühl konkret festzulegen – eine Form von Respekt vor dem Publikum.

Einordnung

Das Gespräch bietet einen seltenen, sehr persönlichen Einblick in die künstlerische Haltung eines Musikers, der sich bewusst gegen den Gestus des "wichtigen" Künstlers stellt. Die Ausführungen zur musikalischen Zusammenarbeit als gelebte Normalität und zur Ablehnung von Klischees – etwa durch die bewusste Entscheidung gegen reine Klezmer-Zitate – sind differenziert und argumentativ schlüssig. Fischbacher begründet seine Entscheidungen nachvollziehbar, sei es die Wahl der Mitspieler:innen oder die kompositorische Idee, eine Swing-Nummer mit einer Marsch-Zählzeit zu unterlegen.

Was in der fast monologischen Struktur der Sendung fehlt, ist eine kritische Rückfrage zur beanspruchten politischen Haltung. Die Aussage, die Musik selbst sei das friedliche Statement, wird als selbsterklärend gesetzt, ohne zu erörtern, welche konkreten Spielräume oder auch Grenzen ein solcher symbolischer Akt hat. Die einleitend geäußerte Kritik am "Schweigen" der Szene wird im weiteren Verlauf nicht vertieft; es bleibt bei einem appellativen Gestus, der nicht an konkreten gesellschaftlichen Widersprüchen geschärft wird. Auch das Verhältnis zwischen dem Beharren auf künstlerischer Autonomie und dem gleichzeitigen Wunsch nach politischer Wirksamkeit wird nicht aufgelöst.

Hörempfehlung: Für Hörer:innen mit Interesse an Jazz jenseits von Marketinglogik und an der Frage, wie künstlerische Haltung und persönliche Überzeugung zusammenhängen, ein lohnendes Gespräch.

Sprecher:innen

  • Axel Fischbacher – Gitarrist, Komponist und Bandleader, stellt sein neues Album "Normal II" vor.
  • Moderator (ungenannt) – Gastgeber der "Jazz-Zeit" auf Radio Unihört Marburg.