99 ZU EINS: Episode 639: The style of Too Late Capitalism
Anna Kornbluh über „Immediacy“: Wie der Spätkapitalismus unsere Kunst, Literatur und Medien durch den Zwang zur Unmittelbarkeit aushöhlt.
99 ZU EINS
293 min read4790 min audioIn der englischsprachigen Episode des linken Podcasts „99 ZU EINS“ spricht Moderatorin Hannah mit der Literaturwissenschaftlerin Anna Kornbluh über deren aktuelles Buch „Immediacy“. Zentrales Thema ist der enge Zusammenhang zwischen derzeitigen wirtschaftlichen Entwicklungen und der zeitgenössischen Kulturproduktion. Die Gesprächspartnerinnen analysieren, wie sich der sogenannte „Zu-Spät-Kapitalismus“ in einem spezifischen ästhetischen Stil niederschlägt, der fortlaufend den Schein einer filterlosen Unmittelbarkeit erzeuge.
Dabei wird eine marxistische und psychoanalytische Lesart der Gesellschaft durchgehend als selbstverständlich vorausgesetzt. Konzepte wie die Ausweglosigkeit des unendlichen Wachstumsdiktats, der absolute Vorrang von Profitmaximierung durch Tech-Monopole und die Entfremdung der Nutzer:innen fungieren als unhinterfragte Basis des Gesprächs. Innerhalb dieses geteilten Diskursrahmens wird die Analyse von Literatur und Medien nicht mehr auf ihr „Ob“, sondern nur noch auf ihr „Wie“ hin untersucht.
### Zentrale Punkte
* **Zirkulation statt Produktion**
Kornbluh erkläre, dass ein stagnierendes Wirtschaftswachstum den Fokus auf extrem beschleunigte Verteilungsprozesse lenke, was sich kulturell als ständiger Drang nach sofortiger Wunscherfüllung zeige.
* **Verlust des Symbolischen**
Die aktuelle Medienkultur befördere laut der Autorin einen Bedeutungsverlust von Sprache und Normen. An deren Stelle trete eine unbegrenzte Flut an Bildern und eine ständige affektive Überwältigung.
* **Plattformlogik und Ausbeutung**
Soziale Medien würden fälschlicherweise als Räume freier Selbstdarstellung gerahmt. Tatsächlich zwinge die Monopolstellung weniger Konzerne den Nutzer:innen Formate auf, um unbezahlte Datenarbeit abzuschöpfen.
* **Privatisierung der Literatur**
Die zunehmende Dominanz von Autobiografien und der Ich-Perspektive in der Literatur sei kein Zeichen von Befreiung, sondern spiegele die Privatisierung und Aushöhlung gesellschaftlichen Wissens wider.
### Einordnung
Die Episode besticht durch eine scharfsinnige strukturelle Analyse, die literaturwissenschaftliche, medientheoretische und ökonomische Perspektiven eng verzahnt. Kornbluh gelingt es überzeugend aufzuzeigen, wie technologische Formate unser Verständnis von Realität formen. Da sich Host und Gästin jedoch durchgehend im selben akademischen Denkrahmen bewegen, entfällt eine kritische Reibung fast gänzlich. Gegenargumente, die etwa das emanzipatorische Potenzial von Social Media für marginalisierte Gruppen betonen, wischt Kornbluh als Illusion beiseite. Wie sie kapitalistische Mechanismen sprachlich mit physischen Restriktionen gleichsetzt, zeigt sich, wenn sie den medialen Konsum auf Smartphones als „tyranny of the vertical“ (Übersetzung: „Tyrannei der Vertikalen“) beschreibt, die systematisch jeden Kontext ausblende.
**Hörempfehlung**: Empfehlenswert für Hörer:innen, die sich für marxistische Medientheorie interessieren und fundiert verstehen möchten, wie ökonomische Strukturen literarische sowie popkulturelle Trends bedingen.
### Sprecher:innen
* **Hannah** – Moderatorin des linken Interview-Podcasts „99 ZU EINS“
* **Anna Kornbluh** – Professorin für Literaturwissenschaft an der University of Illinois