Die Runde diskutiert die Lage nach einem G7-Gipfel in Versailles, bei dem erneut über Wege zu einem Waffenstillstand oder Frieden in der Ukraine gesprochen wurde. Im Zentrum steht dabei die unberechenbare Rolle des US-Präsidenten Donald Trump, der einerseits den Konflikt beenden will, andererseits kein echtes Interesse an der Ukraine zu haben scheine. Die Diskussion kreist um die Frage, wie es weitergehen kann, wenn sowohl Moskau als auch Washington in ihrer Haltung verharrten und die Europäer zwar zahlen, aber kaum mit am Verhandlungstisch sitzen. Als selbstverständlich wird vorausgesetzt, dass Verhandlungen das zentrale Ziel sind, militärische Stärke als Argument dient und die Ukraine dabei vor allem Objekt der Gespräche zwischen Großmächten sei – ihre eigene Handlungsfähigkeit wird nur am Rande thematisiert.
Zentrale Punkte
- Trumps sprunghafte Unberechenbarkeit Die Expert:innen seien sich einig, dass Trump trotz gegenteiliger Aussagen kein genuines Interesse an der Ukraine habe. Sein Politikstil sei von Instinkt und Widersprüchen geprägt; eine Annäherung durch „Ego-Streicheln" könne nie von Dauer sein, da er keine echten Verbündeten kenne und sein Fokus ständig wechsle.
- Europas strategische Schwäche Europa fehle eine eigenständige, flexible Position, um als ernstzunehmender Verhandlungspartner anerkannt zu werden. Solange die Europäer die ukrainische Position bedingungslos unterstützten, seien sie weder für Russland noch für die USA interessant, so ein Gast. Es brauche eine Abgrenzung, um nicht weiter von der „Speisekarte" auf den Verhandlungstisch zu gelangen.
- Russlands fehlende Flexibilität Moskau halte an Maximalforderungen fest – etwa der präemptiven Abtretung des gesamten Donbass und einem Ende westlicher Waffenlieferungen, was einer Kapitulationsforderung gleichkomme. Putin strebe keinen echten Frieden an, sondern eine als ukrainische Niederlage wahrgenommene Lösung, die das Land langfristig destabilisiere.
- Innere Dynamiken in Russland Trotz wirtschaftlicher Stagnation und wachsenden Unmuts in Teilen der Elite und Bevölkerung, spürbar durch ukrainische Drohnenangriffe im Hinterland, sei kein Kollaps zu erwarten. Interne bürokratische Widersprüche und Elitenkämpfe böten jedoch die interessanteste Dynamik für die Zukunft, da sie das Regime langfristig von innen destabilisieren könnten.
Einordnung
Die Episode bietet eine multiperspektivische und fachlich tiefgehende Analyse, die bemerkenswert nüchtern mit den Mythen des Gipfelgeschehens aufräumt. Die einhellige Skepsis der vier Gäste gegenüber einem echten Verhandlungsdurchbruch – sei es durch Trump oder durch Einlenken Putins – ist wohltuend frei von Wunschdenken. Besonders stark ist die Diskussion, wenn sie sich von der US-zentrierten Sicht löst und die innerrussischen Reibungen und Elitenkonflikte als zentrale, oft übersehene Variable herausarbeitet. Hier wird geopolitische Analyse auf die Ebene konkreter innerstaatlicher Dynamiken heruntergebrochen.
Allerdings bewegt sich die Debatte fast durchgängig in einem Rahmen, der die Ukraine als passives Objekt und nicht als eigenständig handelndes Subjekt betrachtet. Die Gesprächslogik dreht sich um Konzessionen und Verhandlungsmasse, die andere über die Ukraine machen. Deren eigene Perspektive, militärische Strategie jenseits der „Deep Strike Kampagne" und innenpolitische Zwänge bleiben weitgehend ausgeblendet. Die Annahme, dass eine von allen als Niederlage wahrgenommene Lösung Europas Sicherheit fundamental schade, wird nicht hinterfragt. Das Zitat, Europa müsse klarmachen, dass seine „Position nicht identisch mit der Position der Ukraine" sei, zeigt exemplarisch, wie die Debatte auf ein geopolitisches Tauschgeschäft verengt wird, bei dem Solidarität als Manövriermasse erscheint.
Hörempfehlung: Lohnt sich für alle, die eine illusionsfreie Bestandsaufnahme der Großwetterlage jenseits von Gipfel-Euphorie suchen und verstehen wollen, warum die innerrussische Entwicklung der entscheidende Faktor sein könnte.
Sprecher:innen
- Alexander Kähler – Moderator der phoenix runde
- Prof. Gerlinde Groitl – Professorin für Internationale Politik, Uni Regensburg
- Johanna Roth – Auslandskorrespondentin, DIE ZEIT, Ex-Washington
- Prof. Alexander Libman – Politikwissenschaftler, FU Berlin, Osteuropa-Experte
- Hanna Notte – Eurasien-Programm, James Martin Center for Nonproliferation Studies