Die israelische Opposition formiert sich mit einem neuen Bündnis für die bevorstehenden Wahlen, bei denen Benjamin Netanjahu abgelöst werden soll. Die früheren Premierminister Naftali Bennett und Yair Lapid schließen sich dafür zusammen, obwohl der eine als rechter Hardliner und der andere als Zentrist gilt. Mairav Zonszein, Analystin bei der International Crisis Group, analysiert im Gespräch mit Malika Bilal, dass hinter dieser Zweckgemeinschaft vor allem der Wille zu einer Rückkehr zu einem funktionierenden Staat stehe – während der Krieg gegen Iran und die anhaltenden Kämpfe in der Gesellschaft tiefe Spuren hinterlassen. Als zentrale, unausgesprochene Prämisse des Wahlkampfs macht Zonszein aus, dass die palästinensische Frage für praktisch alle Parteien eine Nicht-Rolle spiele.

Zentrale Punkte

  • „Nicht Netanjahu“ als einziges Programm Die neue Allianz biete vor allem die Aussicht auf eine Regierung ohne Netanjahu, erkläre Zonszein. Bennett und Lapid versprächen eine Rückkehr zu einem normal funktionierenden Staat und Rechtsstaatlichkeit, wobei ihr Verständnis von „Recht und Ordnung“ aus Sicht vieler Kritiker fragwürdig sei.
  • Das Paradox der Kriegsmüdigkeit Die israelische Gesellschaft sei kriegsmüde und leide unter ständiger Unsicherheit, unterstütze die verschiedenen Kriege aber mehrheitlich. Zonszein führe dies auf ein mediales und soziales Umfeld zurück, das das Leid der palästinensischen und libanesischen Bevölkerung ausblende und eine vermeintlich schmerzfreie Kriegsführung durch moderne Verteidigungstechnik suggeriere.
  • Palästinenser:innen als blinder Fleck Für die Zukunft der Palästinenser:innen unter Besatzung und die palästinensischen Bürger:innen Israels gebe es in den politischen Debatten keinen Platz, so Zonszein. Selbst bei einem Machtwechsel sei nicht mit substanziellen Veränderungen in der Besatzungspolitik zu rechnen; ein neues Team könne im Ausland sogar als „Feigenblatt“ wirken, um Druck von Israel zu nehmen.

Einordnung

Das Gespräch bietet eine nuancierte Innenansicht der israelischen Politik jenseits von Schlagzeilen. Die Analystin seziert die heterogene Opposition, indem sie die inneren Widersprüche des Bündnisses aufzeigt und deutlich macht, dass Bennett und Lapid kaum mehr eint als der Wille zum Machtwechsel. Besonders stark wird die Darstellung, wie sich ein subjektives Gefühl der Kriegsmüdigkeit mit der anhaltenden, breiten Unterstützung für militärische Operationen paart – eine Gleichzeitigkeit, die Zonszein aus den spezifischen medialen und sicherheitstechnischen Realitäten Israels heraus erklärt. Auch der Hinweis auf die kaum thematisierten psychologischen Langzeitfolgen für Soldaten und Kinder erweitert das Verständnis für die innerisraelische Verfassung.

Das Gesprächsformat bringt es mit sich, dass eine gewisse Perspektive reproduziert wird, ohne sie zu durchbrechen. Auch wenn Zonszein selbst die Abwesenheit palästinensischer Themen auf der politischen Agenda kritisch benennt, bleibt das Gespräch einer Analyse verhaftet, die palästinensische Akteure fast nur als Sicherheitsproblem oder Wahlvolk, aber kaum als eigenständige politische Subjekte betrachtet. Die in der Analyse angelegte fundamentale Widersprüchlichkeit – dass die palästinensische Frage als irrelevant für die Wahlen gilt, obwohl sie für die Zukunft des Landes als zentral beschrieben wird – wird als Befund präsentiert, aber nicht weiter hinterfragt. Die Darstellung, ein Regierungswechsel bringe vor allem einen besseren „optischen“ Eindruck im Westen, lässt den Schluss zu, dass der gesamte Wahlkampf eher um Stil als um Substanz kreist. So heißt es am Ende, das Problem sei „nicht nur BB“, aber Netanjahus Weggang werde anderen Kräften Raum geben – eine letztlich recht vage Hoffnungsperspektive.

Hörempfehlung: Für Hörer:innen, die eine differenzierte Einschätzung des israelischen Parteienspektrums und der tiefsitzenden gesellschaftlichen Widersprüche abseits der Netanjahu-Frage suchen, bietet die Episode eine lohnende Analyse.

Sprecher:innen

  • Mairav Zonszein – Senior Israel Analyst, International Crisis Group und Journalistin (u.a. New York Times)
  • Malika Bilal – Host von „The Take“, preisgekrönte Journalistin bei Al Jazeera