In dieser Episode der „Sternstunde Philosophie" geht es um die Frage, ob autoritäre Entwicklungen der Gegenwart sinnvoll als „Faschismus" zu beschreiben sind. Gastgeberin Barbara Bleisch spricht mit der Philosophin Eva von Redecker und dem Historiker Damir Skenderovic. Beide Gäste teilen die Sorge über einen globalen Rechtsruck, vertreten jedoch unterschiedliche Ansätze, den Begriff zu schärfen. Während von Redecker eine abstrakte Wesensbestimmung vorschlägt – Faschismus als Herrschaftsform, die auf einer „entfesselten Eigentumslogik" beruhe –, verweist Skenderovic auf die historisch gewachsene Forschung und deren Kriterien wie ultranationalistische Wiedergeburt. Die Unterhaltung kreist stark um Definitionen; die Frage, ob „linker Faschismus" existiere, wird kurz und kontrovers gestreift, bevor man zu den Ursachen der Rechtsentwicklung zurückkehrt.

Zentrale Punkte

  • Faschismus als „entfesselte Eigentumslogik" Eva von Redecker argumentiere, der Kern faschistischer Mobilisierung liege nicht in Symbolen oder Nationalismus, sondern in einem Phantombesitz. Politisches Handeln werde durch ein Verfügungsdenken ersetzt, bei dem Menschen über andere wie über Dinge herrschen wollten – ein Anspruch, der notfalls mit Zerstörung durchgesetzt werde.
  • Die Rückkehr der „Palingenese" Damir Skenderovic betone stärker die Ideologie. Mit Verweis auf den Historiker Roger Griffin beschreibe er ein zentrales Muster: die Beschwörung eines nationalen Niedergangs, gepaart mit dem Versprechen einer radikalen, zukunftsgewandten Wiedergeburt („Make America Great Again"), was dem Faschismus seine Anziehungskraft verleihe.
  • Normalisierung versus Mobilisierung Bei der Ursachenforschung widerspreche Skenderovic der These, rechte Einstellungen würden lediglich normalisiert und nun offen geäußert. Er warne vor einer Anthropologisierung, die Rassismus als naturgegeben hinstelle. Vielmehr würden diese Einstellungen durch Propaganda, wie die von Nick Fuentes, in einem enthistorisierten Raum erst erzeugt.

Einordnung

Die Stärke dieser Episode liegt in der analytischen Tiefe und der Bereitschaft, politische Kampfbegriffe wissenschaftlich zu prüfen. Von Redecker bietet mit der „Eigentumslogik" einen originellen, philosophisch fundierten Blick an, der über das simple Wiedererkennen historischer Kostüme hinausgeht. Skenderovic wiederum erdet die Diskussion, indem er die lange Forschungstradition und die Gefahren einer entgrenzten Verwendung des Begriffs in Erinnerung ruft. Das kritische Abtasten, ob Technologie ein faschistisches Kriterium sein kann, zeigt eine differenzierte Abwägung.

Kritisch bleibt anzumerken, dass die Diskussion stark theorieimmanent verläuft. Die Perspektiven von Menschen, die von autoritärer Politik direkt betroffen sind, werden nicht eingeholt; es geht primär um die Binnensicht der Wissenschaft. Zudem wird der Widerspruch zwischen Skenderovics Skepsis gegenüber einer „Anthropologisierung" und dem von ihm betonten emotionalen Bedürfnis nach nostalgischer Heimat nicht abschließend verhandelt. Die Frage nach einem „linken Faschismus" wird von der Gastgeberin eher als Reizthema eingeworfen, als dass sie einer vertieften Verständigung dient, was von Redecker zu Recht als Verkürzung kritisiert. In der Sache bleibt so unklar, ob die „Eigentumslogik" vielleicht zu weit gefasst ist und auch andere Gewaltherrschaften erklären könnte.

Sprecher:innen

  • Eva von Redecker – Philosophin und Bestsellerautorin, befasst sich mit kritischer Theorie und Faschismus
  • Damir Skenderovic – Historiker und Rechtsextremismusforscher an der Universität Freiburg (Schweiz)