René Martens greift die jüngsten russischen Angriffe auf sieben Medienbüros in Kiew auf, darunter das ARD-Studio und Räume der Deutschen Welle. Zwar wurde niemand verletzt, doch der Vorfall ist für ihn ein erschütterndes Beispiel für die zunehmende Gefährdung von Journalist:innen in Kriegsgebieten. Anhand von Zahlen des Committee to Protect Journalists (CPJ) zeichnet er ein präzises Bild: Von den 18 in diesem Jahr weltweit im Beruf getöteten Medienmitarbeitenden starb die Hälfte gezielt durch Kriegshandlungen – für acht Morde macht die Organisation die israelische Armee verantwortlich.
Der Text belegt, wie Drohnen die Arbeit von Reporter:innen fundamental verändert haben. Martens zitiert ukrainische Quellen und die freie Journalistin Andrea Jeska: „Die Liste der Kriegsverbrechen, die Russland in der Ukraine begeht, ist lang. Die gezielte Tötung von Journalistinnen und Journalisten gehört dazu.“ Auch palästinensische Medienschaffende sind durch israelische Drohnenangriffe massiv bedroht – das CPJ dokumentiert allein seit Oktober 2023 mindestens 49 Tötungen per Drohne, oft unterstützt durch Telefonortung. Der AFP-Journalist Mahmud Hams fasst die Strategie drastisch zusammen: „Krieg führende Seiten wollen lieber keine Journalisten vor Ort haben. Sie möchten tun, was sie wollen, ohne dass jemand sie dabei beobachtet oder ihre Verbrechen aufdeckt. Deshalb werden Journalisten gezielt angegriffen, man will die Wahrheit vor der Welt verbergen.“
Martens webt persönliche Schicksale ein, etwa die Zerstörung der Wohnung eines ukrainischen Dozenten, und verknüpft sie mit der strukturellen Misere: Freie Journalist:innen, so Jeska, leiden unter Sparzwängen der Redaktionen, fehlenden Verträgen und mangelnden Sicherheitsvorkehrungen. Der Text endet mit einer düsteren Prognose von Hams: Wenn Angriffe auf Journalist:innen im Gazastreifen folgenlos blieben, werde dies weltweit Schule machen – und tatsächlich sieht Martens im Libanon bereits die Bestätigung dieser Normalisierung, als die Tötung der Journalistin Amal Khalil selbst staatliche Intervention nicht verhinderte.
Einordnung
Martens nimmt eine klare Positionierung für die Pressefreiheit ein und beleuchtet vor allem die Bedrohung durch Israel und Russland. Diese Schwerpunktsetzung mag als einseitig erscheinen, spiegelt jedoch die dokumentierten Fakten von CPJ und IFJ wider. Ausgeblendet bleibt die Einordnung gezielter Angriffe durch andere Konfliktparteien, was die Analyse geografisch und politisch zuspitzt. Das zentrale Narrativ der „Gleichgültigkeit der internationalen Gemeinschaft“ ist wirkmächtig, doch es fehlt eine Präzisierung, welche Staaten oder Institutionen konkret handeln müssten. Die implizite Prämisse, dass die Angriffe primär der Vertuschung von Kriegsverbrechen dienen, ist plausibel, wird jedoch nicht durch direkte Belege politischer Absichten gestützt.
Die Kolumne ist ein wertvoller Beitrag zur Debatte um den Schutz von Journalist:innen, der neben Zahlen auch Erfahrungsberichte Raum gibt. Lesenswert für alle, die verstehen wollen, wie sehr Kriegsberichterstattung zu einem Akt des persönlichen Risikos geworden ist und warum internationale Empörung oft ausbleibt.