Im zweiten Teil des Sommer-Spezials über Lugano führen Roman Seller und der Historiker Christoph Mörgeli ihr Gespräch vor dem Palazzo Antico Pretorio fort. Die Episode schildert die Entwicklung der Stadt vom 15. Jahrhundert bis zur Gründung des Kantons Tessin 1803. Mörgeli zeichnet ein Bild der wechselnden Herrschaftsverhältnisse – zunächst die Mailänder, dann die eidgenössische Verwaltung als Landvogtei ab 1512 – und betont dabei immer wieder die relative Stabilität und den Wohlstand Luganos. Die Darstellung wird als selbstverständlich fortschrittlich gerahmt: Die eidgenössische Herrschaft sei mild gewesen, habe den Tessinern weitgehende Selbstverwaltung belassen und vor allem wirtschaftliche Chancen geboten. Der Zusammenschluss mit der Schweiz erscheint in dieser Erzählung als logischer und von der Bevölkerung gewollter Schritt.
Zentrale Punkte
- Eidgenössische Herrschaft als milde Verwaltung Christoph Mörgeli beschreibe die gut 300-jährige Landvogtei als eine Zeit, in der die Eidgenossen den Luganesen ein großes Maß an Selbstverwaltung gelassen hätten und es keine kriegerischen Zerstörungen gegeben habe.
- Wirtschaftliche Lage als roter Faden Die günstige Verkehrslage am Gotthardweg und der Handel mit Vieh, Seide und weiteren Waren werden als entscheidende Grundlage für den anhaltenden Wohlstand Luganos dargestellt; Mörgeli sehe darin den Grund für die Attraktivität der Stadt unter allen Herrschaften.
- Freiwillige Hinwendung zur Schweiz Die Episode hebe hervor, dass sich die Tessiner um 1798 gegen die Angliederung an die napoleonische Cisalpinische Republik gewehrt hätten; mit der Losung „Liberi e Svizzeri“ hätten sie die Gleichberechtigung innerhalb der Eidgenossenschaft angestrebt und diese 1803 mit der Kantonsgründung erreicht.
Einordnung
Die Stärke dieser Episode liegt in ihrer lebendigen Geschichtsvermittlung vor Ort: Historische Gebäude wie der Palazzo Antico Pretorio werden zum Ausgangspunkt für eine anschauliche, detailreiche Erzählung, die lokales Wissen mit grossen politischen Entwicklungen verknüpft. Christoph Mörgeli liefert als langjähriger Medizin- und Kulturhistoriker eine kenntnisreiche Darstellung, die Zuhörer:innen die wirtschaftliche und politische Bedeutung Luganos im Alpenraum nachvollziehen lässt.
Kritisch zu betrachten ist die durchgehend harmonisierte Rahmung der eidgenössischen Expansion nach Süden. Dass Mörgeli die sogenannten „Befreiungskriege“ als „je nach Sicht auch Eroberungskriege“ einordnet und die Herrschaft der Landvögte pauschal als „mild“ und kaum einschneidend präsentiert, stellt eine politisch entlastende Geschichtsdeutung dar. Konflikte wie der Aufstand im Bleniotal 1755 werden erwähnt, aber rasch von der anhaltenden Friedlichkeit überblendet. Die Perspektive jener Tessiner, die unter der eidgenössischen Blutgerichtsbarkeit oder den Steuerprivilegien der Alteingesessenen litten, findet kaum Raum. Die Episode bietet eine regionalhistorische Erzählung, die in ihrer nationalen Selbstvergewisserung wenig Anlass für kritische Rückfragen lässt – etwa zu den Machtverhältnissen hinter der vielbeschworenen „Selbstverwaltung“.
Hörempfehlung: Wer sich für eine unterhaltsam aufbereitete, lokal verortete Übersicht zur Tessiner Geschichte interessiert, bekommt hier eine eingängige Einführung – sollte die harmonisierende Tendenz der Darstellung aber im Blick behalten.
Sprecher:innen
- Roman Seller – Moderator, führt durch das Gespräch
- Prof. Christoph Mörgeli – Historiker, ehemaliger SVP-Nationalrat und Medizinhistoriker