Die Episode verhandelt einen Reformvorschlag für das Ehegattensplitting, initiiert von der Vorsitzenden des Sachverständigenrats, Monika Schnitzer, und unterstützt von zahlreichen Ökonom:innen. Vorgeschlagen wird ein Systemwechsel: Statt das Einkommen von Ehepaaren zusammenzurechnen und zu halbieren, soll künftig individuell besteuert werden, jedoch mit der Möglichkeit, einen hypothetischen Unterhaltsbetrag zwischen den Partnern zu übertragen – angelehnt an die Regeln für getrennt Lebende. Die dadurch freiwerdenden Mittel sollen gezielt in Kindergeld und Kinderfreibetrag fließen. Die Diskussion dreht sich um die Frage, ob das geltende System Frauen tatsächlich von Erwerbsarbeit abhält und ob der Staat überhaupt lenkend in die Arbeitsverteilung von Paaren eingreifen sollte.
Zentrale Punkte
- Fehlanreiz für Zweitverdienende Das Ehegattensplitting bestrafe jene, die als geringer verdienender Teil eines Paares mehr arbeiten, weil sie durch den gemeinsam hohen Grenzsteuersatz vom eigenen Mehrverdienst wenig übrig hätten. Dieser Effekt treffe vor allem Frauen und halte sie von einer Ausweitung ihrer Arbeitszeit ab – selbst dann, wenn keine Kinderbetreuung als Grund vorliege.
- Neutralität des Steuerstaats Das bestehende Splitting besteuere Ehepaare einzig nach der Summe ihres Einkommens, unabhängig von der internen Aufteilung der Arbeit, so das Gegenargument. Der Staat bleibe damit neutral, greife nicht in private Lebensmodelle ein und stelle niemanden schlechter, der sich für eine ungleiche Verteilung entscheide – eine Wertung, die eine Reform aufgeben würde.
- Gezielte Förderung von Kindern Der Reformvorschlag verknüpfe die Begrenzung des Ehegattensplittings mit einer deutlichen Erhöhung von Kindergeld und Kinderfreibetrag. Die finanzielle Entlastung solle nicht beim Staat verbleiben, sondern eins zu eins in die Unterstützung von Familien und Alleinerziehenden umgelenkt werden, die vom jetzigen Splittingmodell oft gar nicht profitieren.
Einordnung
Die Diskussion führt grundlegende Annahmen über Steuergerechtigkeit vor, ohne diese selbst zum Gegenstand zu machen. Die Argumentation auf beiden Seiten setzt voraus, dass Steuerpolitik ein legitimes Lenkungsinstrument für gesellschaftspolitische Ziele wie Frauenerwerbstätigkeit oder Familienschutz sei. Monika Schnitzer argumentiert mit der volkswirtschaftlichen Notwendigkeit, ungenutzte Arbeitskraft angesichts des Fachkräftemangels zu mobilisieren – eine Prämisse, die den Wert menschlicher Arbeit primär an ihrem Marktbeitrag misst. Das unhinterfragte Ziel der Erwerbsausweitung blendet andere Formen von Sorgearbeit als gleichwertige Lebensleistung aus.
Patrick Bernau hingegen postuliert eine staatliche Neutralität, die faktisch nicht besteht: Mit Verweis auf die Steuerklassen 3 und 5 räumt er ein, dass schon die Lohnabrechnung unter dem Jahr ein asymmetrisches Bild der Arbeitswerte zeichnet. Seine Sorge, der Reformvorschlag würde Paare in ein ungewolltes Arbeitsmodell drängen, unterstellt implizit, dass steuerliche Anreize keine lenkende Wirkung entfalten – während Schnitzers Analyse genau das Gegenteil belegt. Beide Positionen verbleiben in einem Rahmen, der individuelle Wahlfreiheit und marktwirtschaftliche Logik als oberste Prinzipien setzt.
Gelungen ist die Gegenüberstellung zweier fundierter Positionen mit Begründungen, die über reine Parteipolitik hinausgehen. Die Episode legt offen, dass es sich beim Ehegattensplitting um eine Frage von erheblicher gesellschaftspolitischer Sprengkraft handelt, bei der ökonomische Modelle und Menschenbilder aufeinandertreffen. Schwach bleibt die Einbettung: Die Bedeutung der Reform für den Staatshaushalt oder das strukturelle Ungleichgewicht in der Rentenversicherung durch Teilzeitbeschäftigung wird nicht vertieft. Auch der Zusammenhang mit der Debatte um eine Einkommensteuerreform bleibt angedeutet, aber nicht ausgeführt.
„Wenn wir jetzt das Ehegattensplitting abschaffen und die Leute dahin treiben, dass sie sich die Arbeit gleich verteilen, dann treiben wir sie in ein Modell, dass sie sich selber womöglich gar nicht gewählt hätten" – an diesem Einwand von Patrick Bernau zeigt sich die zentrale Spannung: Der Wunsch nach Neutralität des Steuerstaats konkurriert mit der politisch gewollten Lenkungswirkung.
Hörempfehlung: Die Episode lohnt sich für Hörer:innen, die eine verständliche Einführung in die steuersystematischen und gesellschaftlichen Grundfragen des Ehegattensplittings suchen, jenseits politischer Schlagworte.
Sprecher:innen
- Corinna Budras – FAZ-Korrespondentin in Berlin und Host des Podcasts
- Monika Schnitzer – Vorsitzende des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung
- Patrick Bernau – Leiter der Wirtschaftsredaktion der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung