In dieser Episode von Volts diskutiert Gastgeber David Roberts mit dem Energieforscher Bruce Nordman eine grundlegende Alternative zur Steuerung des zunehmend dezentralen Stromnetzes. Statt des derzeit populären Modells der virtuellen Kraftwerke, bei denen ein Aggregator die Flexibilität vieler kleiner Anlagen bündelt und vermarktet, skizziert Nordman ein System, das fast ausschließlich auf dynamischen, zeit- und ortsabhängigen Endkund:innenpreisen basiert. Der Kern seines Arguments besteht darin, dass der Mittelsmann überflüssig werde, wenn der Strompreis bereits den Echtzeitwert der Energie abbilde. Die Diskussion bewegt sich dabei auf einer grundsätzlichen Ebene und vergleicht die nötige Transformation des Stromsystems mit der Entwicklung vom alten Telefonnetz zum Internet. Als selbstverständlich wird vorausgesetzt, dass ein dezentrales, automatisiertes und marktbasiertes System einem zentral gesteuerten überlegen sei und die Souveränität der Kund:innen stärke. Die technische Machbarkeit wird dabei als gegeben betrachtet; die eigentlichen Hürden seien institutioneller Natur und lägen in festgefahrenen Denkmustern.
Zentrale Punkte
- Preise statt zentraler Steuerung Dynamische, mindestens stündlich wechselnde Endkundenpreise seien das einzig universelle Mittel, um Angebot und Nachfrage auf jeder Ebene zu koordinieren. Sie machten Eingriffe durch VPP-Aggregatoren weitgehend überflüssig, da der volle Wert der Flexibilität direkt bei den Verbraucher:innen verbleibe und Geräte automatisch darauf reagieren könnten.
- Lokale Wertberechnung als Kernprinzip Das System funktioniere als Kaskade: Ein zentraler Preisserver sende einen Netzpreis, der von einem Gebäude-Controller unter Berücksichtigung lokaler Faktoren wie der eigenen Solaranlage oder CO2-Vermeidungszielen in einen hausinternen Preis umgerechnet werde. Dieser steuere dann die einzelnen Geräte. Das Netz sehe dabei nur den Stromzähler, nicht die dahinterliegenden Vorgänge, was Privatsphäre und Autonomie maximiere.
- Das Netz als Blackbox für den Kunden Die alleinigen Informationspunkte zwischen Netz und Kund:in seien der dynamische Preis und eine Kapazitätsgrenze für den Anschluss. Mit diesen zwei Signalen könne jedes Gebäude seinen Verbrauch optimieren, ohne dass Netzbetreiber oder Dritte wissen müssten, welche Geräte wann laufen. Dieses Modell sei technisch einfach und auf jede Gebäudeart anwendbar.
- Technologisch gelöst, institutionell blockiert Alle benötigten Technologien – vom Preisserver über das Kommunikationsprotokoll OpenADR 3 bis zu preissensiblen Endgeräten – seien vorhanden und oft extrem billig. Die Barriere für die Umsetzung sei nicht technischer, sondern menschlicher und institutioneller Natur. Viele etablierte Akteure und Denkschulen stünden dieser radikalen Abkehr von zentraler Kontrolle skeptisch gegenüber.
Einordnung
Das Gespräch bietet eine faszinierende und kohärent dargestellte Vision, die das Problem der Netzsteuerung grundsätzlich neu denkt. Eine Stärke der Episode ist die konsequente Perspektive aus Sicht des Kunden, die den oft übergangenen Wert von Privatsphäre und Autonomie in den Mittelpunkt stellt, wie im abschließenden Verweis auf die „Enshittification“ von Plattformen deutlich wird. Die historische Analogie zum Wandel vom Telefonnetz zum Internet dient als wirkungsvolles und eingängiges Erklärungsmodell, um die Tragweite des vorgeschlagenen Paradigmenwechsels zu veranschaulichen und technische Begriffe wie „deterministische“ und „nicht-deterministische“ Systeme greifbar zu machen.
Die Diskussion entfaltet sich jedoch in einem weitgehend von den eigenen Prämissen geschlossenen Raum. Die unhinterfragte Setzung, dass ein rein preisgesteuertes System durch seine Effizienz zwangsläufig zu niedrigeren und faireren Rechnungen für alle führt, bleibt vage und wird eher postuliert als belegt. Wie genau der soziale Ausgleich in einer Preis-Kaskade funktionieren soll, in der individuell andere „Werte“ berechnet werden können, wird nur angerissen. Der Vorschlag eines „TOU-Backstops“ zum Schutz ärmerer Haushalte wirkt wie eine kaum durchdachte Notlösung. Zudem wird die gesamte Komplexität der Strommärkte und die politische Dimension der Preisgestaltung auf das Problem reduziert, dass Versorger nur den „falschen“ Preis verlangen würden, ohne die dahinterstehenden Interessen und Regulierungslogiken tiefer zu analysieren. Die Analogie zu Fluggesellschaften, die Preise nicht nach Kosten, sondern nach Ergebnis setzen, ist zwar griffig, verschleiert aber den fundamentalen Unterschied zwischen einem Luxusgut und einem existenziellen Grundbedürfnis.
Hörempfehlung: Für alle, die sich tiefgehend mit der fundamentalen Architektur zukünftiger Energiesysteme auseinandersetzen wollen, bietet diese Episode ein intellektuell anregendes und in sich schlüssiges Gegenmodell zum Mainstream-Denken.
Sprecher:innen
- David Roberts – Gastgeber des Podcasts „Volts“ und langjähriger Energie-Journalist
- Bruce Nordman – Ehemaliger Forschungswissenschaftler am Lawrence Berkeley National Laboratory