Der Journalist Brian Merchant analysiert in dieser Ausgabe eine besorgniserregende neue Stufe des Widerstands gegen die Vorherrschaft der Künstlichen Intelligenz. Im April 2026 markieren Brandanschläge und Schüsse auf das Anwesen von OpenAI-Chef Sam Altman sowie Gewaltakte gegen lokale Politiker den gewaltsamen Höhepunkt einer gesellschaftlichen Gegenbewegung. Merchant verknüpft diese Vorfälle mit einer tiefgreifenden Ablehnung der KI-Technologie, die sich insbesondere bei der Generation Z in extrem negativen Umfragewerten widerspiegelt. Die Täter:innen werden in sozialen Netzwerken teils als moderne Volksheld:innen gefeiert, da sie den Kampf gegen eine als übermächtig empfundene Tech-Aristokratie symbolisieren. Der Newsletter verdeutlicht, dass die Wut der Bürger:innen tief in der existenziellen Angst um Arbeitsplätze und demokratische Mitbestimmung verwurzelt ist.

Die zentrale These des Autors besagt, dass die KI-Industrie durch ihr eigenes „Doom-Marketing“ diese Gewalt maßgeblich mitprovoziert hat. Führende Köpfe wie Altman hätten jahrelang das Narrativ einer potenziell menschheitsbedrohenden „digitalen Gottheit“ genährt, um Investitionen zu generieren und Aufmerksamkeit zu erzwingen. „Altmans Geschichte besagt schließlich, dass sein Unternehmen ein Produkt baut, das fast alles kann, jeden Arbeitnehmer ersetzen und mit seiner Macht durchaus die Welt zerstören kann“, stellt Merchant fest. Wenn Menschen diese Drohungen ernst nehmen, erscheint physischer Widerstand in ihrer Logik als rationaler Akt der Notwehr. Der Autor kritisiert scharf, dass Altman die Schuld nun bei kritischen Medien sucht, anstatt die Konsequenzen der eigenen, bewusst angstgetriebenen Geschäftsstrategie zu reflektieren.

Ein weiterer Schwerpunkt der Analyse ist die fundamentale Unaufrichtigkeit der Branche in Bezug auf demokratische Prozesse. Während Altman öffentlich die Notwendigkeit betont, KI-Macht zu demokratisieren, investiert OpenAI gleichzeitig Millionen in Lobbyarbeit, um staatliche Regulierungen und Haftungsregeln zu verhindern. Merchant entlarvt dies als Strategie zur absoluten Machtkonzentration, bei der menschliche Arbeit entwertet und Gewinne privatisiert werden. Das von Altman genutzte Zitat „Sobald man AGI sieht, kann man sie nicht mehr ungesehen machen“ vergleicht der Autor mit der Dynamik eines „Rings der Macht“. Diese technologische Überheblichkeit führt dazu, dass Gemeinschaften gegen den Bau von Rechenzentren rebellieren, die ihre Ressourcen verbrauchen, ohne einen lokalen Mehrwert zu bieten.

Einordnung

Merchant bietet eine messerscharfe Dekonstruktion des Silicon-Valley-Messianismus aus einer klar links-kritischen Perspektive. Er identifiziert präzise die rhetorische Falle, in der sich die KI-Elite befindet: Man kann nicht gleichzeitig vor der Apokalypse warnen und empört sein, wenn die Öffentlichkeit die Akteur:innen dieser Apokalypse zur Rechenschaft ziehen will. Der Text legt offen, wie neoliberale Strukturen und die Aushöhlung demokratischer Mitbestimmung den Boden für Radikalisierung bereiten. Kritisch zu betrachten ist jedoch Merchants Tendenz, die Gewalt als fast schon zwangsläufige, soziologische Konsequenz darzustellen, was die individuelle moralische Verantwortung der Täter:innen in den Hintergrund rückt. Dennoch ist der Newsletter aufgrund seiner tiefen Einblicke in die Machtstrukturen und seiner Fähigkeit, technologische Entwicklungen mit Klasseninteressen zu verknüpfen, eine dringende Leseempfehlung. Er ist essenziell für alle, die verstehen wollen, warum die technologische Transformation in einen handfesten sozialen Konflikt umschlägt, und bietet ein notwendiges Gegengewicht zum gängigen Techno-Optimismus.