Die re:publica-Session mit Deichkind-Mitglied Henning Besser und Moderator Markus Beckedahl nähert sich dem Phänomen Deichkind über die Arbeitsweise und Philosophie des Kollektivs, weniger über konkrete Musik. Besser definiert Deichkind nicht als Band, sondern als 'Projekt aus vielen Menschen' und sich selbst als Konzeptkünstler. Zentral ist die kritische Auseinandersetzung mit Zielfixierung: Er beschreibt, wie er beim Klavierspielen gelernt habe, dass die Fixierung auf ein fehlerfreies Ziel kontraproduktiv sei und schlägt vor, stattdessen 'Verbindung' als günstigeres Ziel zu setzen. Diese Haltung überträgt er auf die Bühnenshow, deren berührende Momente er nicht in technischer Perfektion, sondern in der gelungenen Verbindung der Performer:innen untereinander und mit dem Publikum verortet. Politische Haltung sei für Deichkind wichtig, wobei man mit Mehrdeutigkeit und Rollenspielen arbeite, um Freiheitsgrade zu schaffen und Konsens in der Gruppe zu ermöglichen. Besser gewährt Einblicke in kreative Prozesse wie ausgedehnte Sessions, Check-in-Runden und ein 'Dankbarkeits-Hilt-Moment'-Ritual, das die Gruppe stärke. Als theoretischen Bezugspunkt nennt er den Soziologen Hartmut Rosa und dessen Resonanzbegriff.
1. Die Fixierung auf fehlerfreie Ziele wird als kreativitätshemmend entlarvt
Besser schildere, wie er beim Klavierspielen 'gelernt [habe], dass diese Zielorientierung totale Schwächen hat' und dass eine 'Zielfixierung […] total ungünstig' sei, etwa weil sie zu Nervosität und erhöhtem Muskeltonus führe. Ein günstigeres Ziel sei stattdessen, 'mich heute mit der Musik verbinden' zu wollen.
2. Der Unterschied zwischen berührenden und technisch perfekten Konzerten liege in der Verbundenheit
Trotz hochgradig durchchoreografierter Shows habe Besser beobachtet, dass 'es Abende [gibt], wo es auch nach dem 56. Mal mich total berührt' und andere, die 'fehlerfrei' sind, ihn aber 'ein bisschen kalt' ließen. Seine These sei: 'Vielleicht, wenn die untereinander auf der Bühne verbunden sind, dann gelingt es ihnen vielleicht besser mit dem Publikum zu gelingen.'
3. Künstler:innen müssten zunehmend 'Marken' sein, was politische Haltung erschwere
Auf die Frage, warum es heute weniger Protestsongs gebe, verweise Besser auf veränderte Geschäftsmodelle. Spotify-Mitarbeiter hätten auf sinkende Einnahmen mit dem Hinweis reagiert: 'Ihr habt doch eine Million Hörer pro Monat, da könnt ihr doch richtig geil Merch verkaufen.' Musik werde zum bloßen 'Vehikel' für Markenkooperationen, was es 'viel gefährlicher' mache, Haltung zu zeigen.
4. Rollenspiele und bewusste Mehrdeutigkeit ermöglichen politische Botschaften ohne Gruppenkonsens
Besser erläutere, dass Performer:innen 'nicht sich selber [spielen], sondern sie nehmen eigentlich eher wahr, dass sie in einer Rolle spielen'. Dies schaffe 'Freiheitsgrade', um sich 'mehr aus dem Fenster zu lehnen' und politische Botschaften zu transportieren, ohne dass jede:r im Team mit jeder Aussage völlig übereinstimmen müsse.
5. Das 'Dankbarkeits-Hilt-Moment'-Ritual diene als zentrales Werkzeug der Teambindung
Zum Abschluss jedes Probentags werde gefragt, 'was war der schönste Moment des Tages und gibt es etwas, über das ich dankbar bin'. Besser beschreibe dies als 'unglaublich wertvolles Ritual', das die Gruppe 'noch mal am Ende des Tages verbindet' und als 'sehr starke Kraft' wirke.
6. Die starke Resonanz des Projekts basiere auf der Balance zwischen Beliebigkeit und extremer Nische
Besser vergleiche die künstlerische Resonanzfähigkeit mit einem 'Schanzenbäcker Käsebrötchen, das schmeckt niemandem nicht', aber auch niemanden begeistere, während ein extremer Spezialitätenkäse nur eine Person anspreche. Die 'richtige Balance zu finden' sei entscheidend für die Verbindung zum Publikum.
Einordnung
Die Session gibt sich als lockeres Bühnengespräch, entfaltet aber ein dichtes Geflecht an Selbstdeutungen, das Deichkind weniger als Pop-Projekt denn als soziales Labor erscheinen lässt. Auffällig ist die Dominanz von Bessers Perspektive: Seine Reflexionen zu Zielfixierung, Verbindung und Ritualen prägen den Diskurs, während die Stimmen der anderen Bandmitglieder (Philipp, Porky) nur zitiert, aber nicht direkt hörbar sind. Dadurch entsteht eine monoperspektivische Erzählung von Deichkind als einer Art Lebenskunst-Werkstatt, in der ästhetische und gruppendynamische Prozesse im Vordergrund stehen. Die anfangs eingeführte Metapher der 'Kopfhörerbühne' als Verbindungsbarriere wird rhetorisch genutzt, um gleich zu Beginn ein Gemeinschaftsgefühl mit dem Publikum zu beschwören – eine sympathische, aber auch strategisch geschickte Geste der Selbstinszenierung als nahbarer Künstler.
Beckedahl agiert als interessierter Fan und Stichwortgeber, nicht als kritisch-hinterfragender Moderator. So bleiben Spannungsfelder, die Besser andeutet – etwa interne Konflikte um politische Botschaften oder den Umgang mit Alkohol auf der Bühne – in ihrer Tiefe unausgeleuchtet. Die Diskussion reproduziert ein romantisierendes Bild kollektiver Kreativität, in dem 'Check-in-Runden' und 'Dankbarkeit' als Allheilmittel für Teamkonflikte erscheinen. Dass diese Methoden auch instrumentell zur Effizienzsteigerung eingesetzt werden könnten oder dass große Teile des Teams (Technik, Werkstatt) unsichtbar bleiben, wird nicht thematisiert. Gesellschaftspolitisch interessant ist der implizite Standort: Besser verortet sich als politisch sozialisierter Künstler, der 'mitwirken' will, doch das Format bleibt ganz auf die Innenperspektive des Projekts fokussiert. Die Frage, inwieweit Deichkinds oft mehrdeutige Ästhetik in Zeiten zunehmend polarisierter Debatten noch trägt oder an Grenzen stößt, wird nicht gestellt.
Die visuelle Kraft der beschriebenen Bühnenelemente – etwa das riesige Fass mit der Fahne 'Opas gegen Rechts' – wird eindrücklich geschildert. Dass die visuelle Inszenierung jedoch auch als strategisches Mittel zur Maximierung 'instagrammable[r] Momente' mitgedacht wird, gesteht Besser ein, ohne dies kritisch zu reflektieren. Insgesamt bietet die Session einen faszinierenden, aber stark gefilterten Einblick in die Werkstatt eines der erfolgreichsten deutschen Live-Acts.
Sehempfehlung: Für alle, die sich für kreative Prozesse jenseits von Marktlogik und den Mut zu politischer Haltung auf großen Bühnen interessieren. Wer eine kritische Debatte oder journalistische Tiefe erwartet, wird jedoch nur eine wohlwollend inszenierte Innenansicht finden.