In dieser Episode diskutieren Hannah und Amelie die jüngsten Parlamentswahlen in Ungarn und den überraschend klaren Sieg der Oppositionspartei Tisza unter Peter Magyar. Die allgemeine Erwartung eines politischen Umbruchs weist Amelie direkt zurück. Sie argumentiert, der Erfolg der Tisza sei nicht als Sieg der Demokratie zu verstehen. Die zentrale Annahme ihrer Perspektive ist, dass ein grundlegender Unterschied zwischen der bisherigen Regierungspartei Fidesz und der neuen Tisza gar nicht existiere. Vielmehr handele es sich um eine geordnete Machtübergabe innerhalb eines von Orbán über Jahre geschaffenen politischen Blocks – ein inszeniertes Theater, das auch im Ausland für Beifall sorge.
Zentrale Punkte
- Geordnete Machtübergabe statt Umbruch Die neue Partei Tisza sei aus dem Orbán-System selbst herausgewachsen und habe andere Oppositionsparteien aufgesogen. Der Erfolg bedeute daher eher eine personelle Erneuerung innerhalb eines etablierten Machtgefüges, nicht aber eine politische Wende.
- Wahlen als Herrschaftsermächtigung Orbáns Wahlrechtsreform habe ein bereinigtes Parlament geschaffen. Das Narrativ, viele Parteien verhinderten stabile Regierungen, zeige, dass demokratische Wahlen im Kern dazu dienten, stabile Machtverhältnisse zu sichern. Wahlergebnisse würden dabei durch Umfragen aktiv beeinflusst.
Einordnung
Die Folge liefert eine pointierte Gegenerzählung zu westlichen Darstellungen, die den Wahlausgang in Ungarn als Sieg der Opposition feiern. Amelie legt mit historischer Tiefenschärfe die Verbindungen zwischen Fidesz und Tisza offen und verortet Orbáns jahrelangen Staatsumbau als Grundlage für den Erfolg der vermeintlich neuen Kräfte. Gerade die Einordnung des Wahlsystems sowie der Funktion von Umfragen entzaubert wirkungsvoll die Vorstellung eines plötzlichen, basisdemokratischen Aufbegehrens. Der Blick auf die Kontinuität der Machtverhältnisse ist ein entscheidendes Korrektiv zu oft oberflächlichen politischen Einordnungen.
Die Darstellung bleibt jedoch ganz auf eine realpolitische Perspektive fokussiert, in der demokratische Wahlen lediglich als Technik zur Herstellung stabiler Herrschaft erscheinen. Was diesen funktionalen Rahmen übersteigt – wie etwa konkrete politische Inhalte, gesellschaftliche Hoffnungen der Wähler:innen oder die Substanz der illiberalen Demokratie –, wird nicht thematisiert. Die zentrale These, Tisza sei nichts als eine Neuauflage des Alten, wird eher aus der strukturellen Genese der Partei abgeleitet als an ihrer Programmatik belegt. „Da ist ein richtiges Geschimpfe losgegangen in der westlichen Presse. Also die Polen haben das ja überhaupt nicht verstanden. Pluralismus heißt doch nicht, dass man 28 Parteien im Parlament hat."
Sprecher:innen
- Hannah – Moderatorin des Podcasts „99 ZU EINS“
- Amelie – Historikerin, Expertin für Osteuropa und ungarische Politik