In dieser Reportage von Gabi Schlag und Benno Wenz geht es um ein Problem, das Millionen Menschen in Küstenstädten weltweit betrifft: das Absinken des Bodens. Am Beispiel von Jakarta zeigt der Beitrag, dass nicht in erster Linie der steigende Meeresspiegel die Städte bedroht, sondern die exzessive Entnahme von Grundwasser, die den Untergrund buchstäblich kollabieren lässt. Die Darstellung macht deutlich, dass es sich um ein menschengemachtes Problem handelt, das mit wirtschaftlichen Interessen, politischer Kurzsichtigkeit und sozialer Ungleichheit verflochten ist. Die Verantwortung für die Misere wird dabei nicht einzelnen Sündenböcken zugeschrieben, sondern als Ergebnis eines komplexen, historisch gewachsenen Systems dargestellt.

Zentrale Punkte

  • Grundwasserentnahme als physikalische Ursache Durch das Abpumpen von Grundwasser sinke der Wasserdruck im Untergrund, wodurch die porösen Gesteinsschichten in sich zusammenfielen. Dieser Prozess sei für den Großteil der Bodensenkung verantwortlich, die in Jakarta bis zu 25 cm pro Jahr betrage, und sei weitgehend unumkehrbar.
  • Das Problem als „vertracktes System" Die Übernutzung des Grundwassers sei kein simples Fehlverhalten, sondern ein „wicked problem", also ein vertracktes Problem. Fehlende Wasserinfrastruktur, Korruption, verschmutzte Flüsse und eine historisch gewachsene Stadtplanung zwängen breite Bevölkerungsschichten und Industrie dazu, auf das Grundwasser zurückzugreifen.
  • Symbolpolitik statt Ursachenbekämpfung Schutzmaßnahmen wie der Bau von Deichen und Mauern würden von Experten als reiner Aktionismus kritisiert, als ein „Placebo". Solange die Grundwasserentnahme nicht gestoppt werde, sinke auch der Deich mit dem Land weiter ab und biete keinen langfristigen Schutz.

Einordnung

Die große Stärke der Reportage liegt in ihrer differenzierten Darstellung des Problems. Sie verlässt sich nicht auf einfache Erklärungen, sondern bettet die physikalische Ursache – die Grundwasserentnahme – in ein Geflecht aus sozialen, historischen und politischen Faktoren ein. Die Beitragsautor:innen lassen Umweltschützer, Geologen und Stadtplaner zu Wort kommen, aber auch einen Waschanlagenbetreiber und Anwohnende, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. So entsteht ein vielschichtiges Bild, das die Klimakrise als einen Verstärker, nicht aber als alleinige Ursache zeigt und wissenschaftliche Expertise mit der Lebensrealität vor Ort konfrontiert.

Durch ihren Fokus auf Infrastruktur und lokale Politik blendet die Reportage andere mögliche Treiber der suburbanen Expansion und des Ressourcenverbrauchs fast vollständig aus. Die Rolle internationaler Investoren, des globalen Immobilienmarktes oder der textilindustriellen Wasserverschmutzung in Jakarta, die das Oberflächenwasser so massiv verseucht, wird nicht thematisiert. Auch die Information, dass nur „weniger als die Hälfte aller Haushalte" an die Wasserversorgung angeschlossen sei, wird nicht nach Einkommensklassen aufgeschlüsselt, sodass die soziale Dimension der Wasserkrise etwas unscharf bleibt. Hier wird das Problem als eines der gesamten Stadtgesellschaft gerahmt, obwohl die Leidtragenden der Überflutungen und des Wassermangels vor allem die Ärmeren sind. Der Geologe Heri Andreas pointiert die Kritik an der Symbolpolitik treffend: „Ich sage, das ist nur ein Placebo, das nicht richtig wirkt. Jakarta macht sich mit dem Deich etwas vor. Das wirkliche Heilmittel gegen das Versinken wäre, die Absenkung zu stoppen."

Sprecher:innen

  • Irwan Pulungan – Umweltschützer in Jakarta
  • Philipp Minderhoud – Geologe, Universität Wageningen
  • Heri Andreas – Geologe, Bandung Institute of Technology
  • Anna Katarina Hornich – Direktorin des IDOS, Bonn
  • Eka Permana Sari – Stadtplanerin in Jakarta