In dieser Episode spricht der linke Podcast mit dem Soziologen Volodymyr Ishchenko über die Positionen der ukrainischen Linken vor und nach der russischen Invasion. Die Diskussion rekapituliert die Geschichte der ukrainischen Kommunistischen Partei, die Zersplitterung des linken Spektrums und die Eskalationen rund um den Euromaidan. Als selbstverständlich dargestellt wird dabei oft, dass die EU-Assoziierung zwangsläufig zur Deindustrialisierung geführt habe. Die Ereignisse von 2014 werden durch ein Narrativ geprägt, das den Euromaidan primär als von Eliten und Rechten gesteuerten Konflikt deutet, was die Perspektive demokratischer Protestbewegungen weitgehend ausblendet.

Zentrale Punkte

  • Spaltung der Linken nach der Invasion Ishchenko schildere, dass die ukrainische Linke 2022 zerfallen sei. Die alte Kommunistische Partei habe die russische Invasion als antiimperialistische Aktion unterstützt, während die jüngere, mittelständische "Neue Linke" der ukrainischen Armee beigetreten sei oder geflohen sei. Andere seien aus Protest gegen die Zwangsmobilmachung in den Untergrund gegangen.

  • Euromaidan als elitärer Rechtsruck Der Euromaidan werde als ein Konflikt dargestellt, der von oligarchischen Rivalitäten angetrieben und zunehmend von radikalen Nationalisten dominiert worden sei. Ishchenko behaupte, das Scharfschützenmassaker von 2014 sei eine False-Flag-Aktion rechter Akteure gewesen, um einen Kompromiss mit Janukowitsch zu verhindern.

  • Vereinnahmung linker Traditionen Die historische Figur des Anarchisten Nestor Makhno werde im post-sowjetischen Diskurs vom Mainstream-Nationalismus vereinnahmt und auf einen simplen Anti-Bolschewisten reduziert. Diese Umdeutung zeige, wie linke Traditionen entkernt und in ein nationalistisches Narrativ integriert würden, das historische Kooperationen ausblende.

Einordnung

Die Episode bietet wertvolle Einblicke in die inneren Dynamiken der ukrainischen Linken, die in westlichen Debatten oft unsichtbar bleiben. Ishchenko benennt plausibel die Repressionen gegen Linke durch den ukrainischen Staat und rechte Milizen sowie die Zerreißprobe zwischen Antiimperialismus und Verteidigungspflicht. Die Diskussion kontextualisiert die wirtschaftlichen Verwerfungen der EU-Assoziierung und zeigt auf, wie linke Symbole umgedeutet werden.

Problematisch ist jedoch, wie stark die Darstellung des Euromaidan auf Deutungen basiert, die auch zentrale Bestandteile russischer Staatspropaganda sind. Die These des Scharfschützen-False-Flag-Anschlags werde als wissenschaftlich unstrittig präsentiert, ohne die massive politische Instrumentalisierung dieser Erzählung durch Russland einzuordnen. Dadurch, dass der Euromaidan primär als von Eliten und Faschisten gesteuert dargestellt wird, fehlt die Perspektive der breiten zivilgesellschaftlichen Basis, die aus berechtigter Unzufriedenheit protestierte.

Hörempfehlung: Für Hörer:innen relevant, die die internen Debatten und historischen Brüche der ukrainischen Linken verstehen wollen, wobei eine kritische Einordnung der Maidan-Darstellung unerlässlich ist.

Sprecher:innen

  • Speaker 1 – Moderator:in von 99 zu 1
  • Volodymyr Ishchenko – Ukrainischer Soziologe, Forscher am Ost-Europa-Institut Berlin