Hörkombinat :Politik: #104: Sparen gegen das Klima – Wo investieren Pensionskassen?
Das WAV Kollektiv analysiert die Klimastrategien von Pensionskassen: Zwischen Renditezwang, Intransparenz und dem Risiko einer 3-Grad-Welt.
Hörkombinat :Politik
34 min read1854 min audioIn dieser Episode bespricht das Hörtkombinat :Politik die Ergebnisse einer investigativen Recherche des WAV Recherchekollektivs zur Anlagestrategie öffentlich-rechtlicher Pensionskassen in der Schweiz. Ausgangspunkt ist nicht primär eine moralische Argumentation, sondern eine ökonomische: Der Klimawandel wird als finanzielles Risiko ("Transitionsrisiko" und "physisches Risiko") gerahmt, das die langfristige Auszahlung von Renten gefährde.
Diskursiv wird die kapitalgedeckte Altersvorsorge (Zweite Säule) als unveränderliche Realität hingenommen, deren Sachzwänge (Rendite, Diversifikation) den Spielraum diktieren. Die Diskussion bewegt sich im Spannungsfeld zwischen dem Anspruch auf demokratische Kontrolle öffentlicher Gelder und der Verschwiegenheit der Finanzakteure. Kritisch hinterfragt wird dabei das Narrativ des "grünen Kapitalismus", insbesondere die Wirksamkeit von Einflussnahme auf fossile Konzerne.
### Zentrale Punkte
* **Intransparenz und Klimarisiken**
Kiste berichte, dass viele Pensionskassen ihre Daten nur widerwillig oder erst nach juristischem Druck durch das Öffentlichkeitsgesetz offenlegten. Dabei seien Klimarisiken für Kassen mit einem Anlagehorizont von 40 Jahren existenziell, da fossile Assets an Wert verlieren könnten oder physische Klimaschäden die Weltwirtschaft bedrohten.
* **Ineffektivität von Dialog**
Das Argument vieler Kassen, man betreibe "Engagement" oder "Stewardship", um Konzerne wie Exxon Mobile zu verändern, entlarve Kiste als wirkungslos. Solche Giganten ließen sich von kleinen Schweizer Aktionär:innen nicht beeindrucken; der Ausschluss fossiler Industrien sei daher die ehrlichere, wenn auch politisch umstrittene Strategie.
* **Systemisches Anlagedilemma**
Da Pensionskassen zur Risikominimierung "breit über den Markt" diversifizieren müssten, der Gesamtmarkt sich jedoch auf einem Pfad der Erderwärmung befinde, seien klimaschädliche Investitionen systemimmanent. Es gebe schlicht nicht genug sichere, grüne Anlageoptionen für 1200 Milliarden Franken Kapital, weshalb Gelder oft in den Tech-Sektor umschichtet würden.
### Einordnung
Die Episode besticht durch eine hohe Faktenbasis, die auf einer originären Datenrecherche (WAV) beruht, statt nur Meinungen zu reproduzieren. Besonders stark ist die Dekonstruktion des "Engagement"-Narrativs (der Dialog mit Konzernen), das als beruhigende Rhetorik ohne faktische Wirkung entlarvt wird. Gleichzeitig offenbart das Gespräch die Grenzen der Finanzmarktkritik: Die Logik der Kapitalakkumulation und des Wachstumszwangs wird zwar als Ursache benannt (Vergleich zum Umlagesystem der AHV), aber letztlich als alternativloser Rahmen ("wir sind nun mal dort") akzeptiert. Problematisch bleibt die unkritische Übernahme der Annahme, dass Tech-Konzerne, in die als Alternative investiert wird, per se eine "Rettung" der Rendite darstellen, auch wenn deren KI-Blasen-Risiko kurz thematisiert wird. Die Sprache schwankt zwischen technokratischer Risikoanalyse und drastischen Warnungen.
> "In der Regel das größte für Pensionskassen investierbare Öl- und Gasunternehmen [Exxon Mobile] und halt auf einem absolut Klima-apokalyptischen Kurs von irgendwie 4 Grad oder mehr."
**Hörempfehlung**: Lohnt sich für alle Versicherten in der Schweiz, die verstehen wollen, wie die Zweite Säule funktioniert und warum "nachhaltiges Investieren" oft an systemischen Grenzen scheitert.
### Sprecher:innen
* **Oliver Kiste** – Journalist beim WAV Recherchekollektiv, spezialisiert auf Datenrecherche und Finanzflüsse.
* **Dominik Dusek & Elvira Isenring** – Moderationsteam des Podcasts Hörkombinat :Politik.