In dieser Folge von „Tigges trifft" spricht Sebastian Tigges mit der Content Creatorin Mathea Wiesner. Sie sei innerhalb eines Jahres mit ihrem Eingeständnis, ein „schlechtes Allgemeinwissen" zu haben, auf fast 400.000 Follower gewachsen. Ausgangspunkt des Gesprächs sei ihr ehemaliges WG-Zimmer in Berlin, das als symbolischer Ort für den Wendepunkt ihrer Karriere beschrieben werde.
Das Gespräch sei geprägt von der Entwicklung vom „Lost sein" zur beruflichen Superkraft. Wiesner schildere, wie die Scham über eigene Wissenslücken während des Studiums und schlechte Erfahrungen mit Kritik an ihrer Rechtschreibung sie zunächst verunsichert hätten. Genau diese Verunsicherung habe sie später zum Inhalt ihrer Videos gemacht. Damit treffe sie einen Nerv bei vielen jungen Frauen, die sich ebenfalls ungebildet fühlten. Im Verlauf des Gesprächs würden jedoch auch die Schattenseiten dieser schnellen Erfolgsgeschichte deutlich: der ständige Druck, Content zu produzieren, die Schwierigkeit, mit dem eigenen Wachstum Schritt zu halten, und die Erkenntnis, dass beruflicher Erfolg nicht automatisch glücklich mache.
Zentrale Punkte
- Wissenslücken als Markenkern Wiesner erkläre, sie habe ihre größte Schwäche – das Gefühl, weniger zu wissen als andere – bewusst zur Grundlage ihres Kanals gemacht. Sie inszeniere sich als Lernende, die gemeinsam mit ihrer Community Wissensfragen kläre, und breche so mit dem idealbild der allwissenden Bildungsperson. Das Eingeständnis von Unwissenheit werde hier nicht als Makel, sondern als verbindendes Element dargestellt.
- Die Authentizitäts-Performance Wiesner unterscheide zwischen privater Person und ihrer Rolle vor der Kamera. Sie kritisiere eine „gespielte" oder „konkret platzierte Authentizität" in den sozialen Medien, bei der Creator:innen wüssten, dass ungeschminkte oder emotionale Momente gut ankämen. Sie selbst zeige bewusst nur eine Seite von sich, um sich zu schützen und nicht „krass angreifbar" zu machen – ein bewusster Bruch mit der Plattformlogik totaler Transparenz.
- Selbstausbeutung trotz Freiheit Obwohl sie sich ihren Tag frei einteilen könne, beschreibe Wiesner einen hohen psychischen Druck: Ihr Kopf sei „die ganze Zeit am Arbeiten", sie habe Mahlzeiten vergessen und Freundschaften vernachlässigt. Die ständige Beschäftigung mit Performance-Zahlen und das Nachjagen immer höherer Klickzahlen zeige, wie die scheinbare Selbstbestimmtheit in Selbstausbeutung umschlagen könne, wenn das Hobby zum Beruf werde.
- Flucht aus und zurück zur Provinz Wiesners Karriereweg werde als Pendelbewegung geschildert: vom Wunsch, aus der provinziellen Studentenstadt Münster auszubrechen, hin zur Sehnsucht, genau dorthin zurückzukehren. Berlin sei nur eine temporäre Karrierestation. Als Grund werden nicht nur familiäre Bindungen genannt, sondern auch die Hoffnung, dort mehr zur Ruhe zu kommen – ein Wunsch, der den unruhigen Arbeitsalltag als Content Creatorin zu kontrastieren scheint.
Einordnung
Das Gespräch bietet einen selten differenzierten Einblick in die psychologischen und sozialen Kosten eines rasanten Aufstiegs in der Creator Economy. Wiesner spricht ungewöhnlich offen über das Gefühl der Überforderung und die Diskrepanz zwischen öffentlichem Erfolg und privatem Wohlbefinden. Besonders die kritische Reflexion über die Authentizitätserwartungen der Branche – der Verweis auf „platzierte Authentizität" – zeigt ein hohes Maß an Selbstbeobachtung. Dass sie den Mut aufbrachte, trotz struktureller Verunsicherung durch das Studium ihre Wissenslücken öffentlich zu machen, wird im Gespräch nachvollziehbar.
Allerdings bleibt die Darstellung von Normalität merkwürdig unangetastet. Wiesner beschreibt das Gefühl, mit einem Masterabschluss und mangelndem Allgemeinwissen eine Ausnahme zu sein, ohne zu thematisieren, dass dieser Bildungsgrad selbst bereits ein Privileg darstellt. Der Verweis auf nicht-akademische Elternhäuser deutet dies zwar an, doch wird der eigene Erfolg vor allem als individuelle psychologische Leistung gerahmt. Auch die starke Betonung, ihre Community bestehe zu „95 % aus Frauen" und sie bekomme Kritik nur von Männern – „hä, bist du dumm?" – wird unhinterfragt als geschützter Raum gefeiert, ohne die geschlechtsspezifische Dynamik solcher Wissenshierarchien tiefer zu analysieren.
Die Episode lohnt sich für alle, die einen Blick hinter die Kulissen des Influencer:innen-Daseins jenseits von Glamour werfen wollen – und für diejenigen, die selbst mit dem Gefühl hadern, nie genug zu wissen.
Sprecher:innen
- Mathea Wiesner – Content Creatorin, innerhalb eines Jahres auf 380.000 Follower gewachsen
- Sebastian Tigges – Host, Podcaster und Kolumnist