Zwei Medienprofis sprechen über ein Gremium, das journalistische Ethik wahren soll, aber kaum jemand kennt: den Deutschen Presserat. Tanjev Schultz und Markus Wolsiffer zeichnen nach, wie dieser 1956 als Antwort auf staatliche Regulierungsdrohungen unter Konrad Adenauer entstand. Getragen wird er bis heute von Verlegerverbänden und Journalistenorganisationen – ohne staatliche Vertreter, ohne externe Bürger:innen. Im lockeren Fachgespräch beschreiben beide den Presserat als selbstverständlichen Pfeiler der Pressefreiheit: ein Instrument der „Selbstreinigung“, das gerade durch seine Unabhängigkeit von Gerichten und Gesetzen wertvoll sei. Die symbolische Kraft der Entscheidungen, so die These, wiege schwerer als fehlende rechtliche Verbindlichkeit.
Zentrale Punkte
- Doppelfunktion des Presserats Der Presserat erfülle zwei Aufgaben: ethische Verstöße innerhalb der Branche zu rügen und gegenüber der Politik für Pressefreiheit einzutreten. Die Symbolkraft seiner Sprüche sei wichtiger als deren fehlende Rechtsverbindlichkeit.
- Niedrigschwellige Beschwerden, nicht-öffentliche Verfahren Jede:r könne sich beschweren, ohne selbst betroffen zu sein. Die Fälle würden in Ausschüssen verhandelt, die nicht öffentlich tagen. Stellungnahmen würden eingeholt, im Extremfall folge eine öffentliche Rüge.
- Begrenzte Reichweite und Sanktionsmacht Formal sei der Presserat nicht für Rundfunk zuständig, der Pressekodex wirke aber als Orientierungsmaßstab auch dorthin. Rügen müssten von den gerügten Medien abgedruckt werden – was nicht immer geschehe.
Einordnung
Die Episode bietet eine solide Einführung in ein wenig bekanntes Gremium, gespeist aus Insider-Wissen und medienhistorischem Kontext. Schultz und Wolsiffer erklären präzise, wie der Presserat entstand, wer ihn finanziert und wie Beschwerdeverfahren ablaufen. Die Stärke liegt in der detaillierten Darstellung von Strukturen, die selbst für Mediennächste oft undurchsichtig bleiben.
Als Schwäche fällt auf, dass die Perspektive durchgehend affirmativ bleibt. Die grundsätzliche Frage, ob Selbstkontrolle ohne externe Beteiligung und ohne echte Sanktionsmacht wirksam sein kann, wird kaum kritisch vertieft. Dass die Ausschüsse nicht öffentlich tagen, wird erwähnt, aber nicht problematisiert. Der Presserat erscheint als bewährte Institution, deren Legitimation durch ihr bloßes Bestehen gegeben ist – alternative Modelle mit Bürgerbeteiligung, wie sie in anderen Ländern existieren, werden nur am Rande gestreift. Die Doppelfunktion als Branchengericht und politisches Sprachrohr wird als unproblematisch präsentiert, mögliche Rollenkonflikte bleiben unerwähnt.
Hörempfehlung: Für alle, die verstehen wollen, wie journalistische Selbstkontrolle in Deutschland organisiert ist, liefert die Folge eine klare und kenntnisreiche Einführung.
Sprecher:innen
- Prof. Dr. Tanjev Schultz – Journalismusprofessor an der Uni Mainz, ehemaliger SZ-Redakteur
- Dr. Markus Wolsiffer – Journalist, TV-Reporter und Moderator für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk