Reflektor: Jan Plewka – Teil 1: „Seitdem ich neun bin, bin ich auf der Bühne“
Tocotronic-Bassist Jan Müller und Selig-Sänger Jan Plewka diskutieren über Kollagen-Kunst, das Ablehnen von In-Ear-Monitoren und den Tod.
Reflektor
55 min read3862 min audioIn dieser Episode des Musikpodcasts „Reflektor“ unterhält sich Jan Müller mit dem Selig-Frontmann Jan Plewka primär über dessen Soloalbum „Eine Art Soloalbum“. Das Gespräch oszilliert zwischen biografischen Anekdoten aus der Jugend und detaillierten Einblicken in handwerkliche, musikalische Schaffensprozesse. Dabei wird von beiden Seiten durchgehend ein klassischer Geniekult gepflegt: Der Künstler wird als getriebenes, fast mystisches Subjekt gerahmt, das äußere Krisen durch puren Schöpfungsdrang in Kunst transformieren müsse.
Auffällig ist die Rahmung der Corona-Pandemie: Diese fungiert im Dialog als willkommener Katalysator für spirituelle Einkehr und kreative Entschleunigung im schwedischen Ferienhaus. Zwar ordnet der Moderator dies kurz ein, um die gesamtgesellschaftliche Notlage nicht völlig auszublenden, die individualistische Perspektive der privilegierten Selbstverwirklichung bleibt jedoch das dominierende Deutungsmuster der gesamten Episode.
### Zentrale Punkte
* **Album-Entstehung als Kollage**
Plewka berichte, dass sein Soloalbum aus 22.000 handschriftlichen Tagebuchnotizen entstanden sei, die er während der Pandemie systematisch zerschnitten und zu neuen Geschichten arrangiert habe.
* **Ablehnung technischer Distanz**
Der Musiker betone, Live-Auftritte konsequent ohne In-Ear-Monitore zu spielen, da diese technische Vermittlung den direkten, energetischen und spirituellen Austausch mit dem Publikum verhindere.
* **Künstlerische Verarbeitung von Tod**
Das Thema Endlichkeit nehme in seiner Arbeit großen Raum ein, was er auf frühe Konfrontationen mit Beerdigungen sowie das Einlösen eines Schwurs für einen verstorbenen Freund zurückführe.
* **Musik als Bewältigungsstrategie**
Bereits im Alter von neun Jahren habe er aus Liebeskummer seine erste Band gegründet, um durch die Bühne und das Singen eigener Gedichte persönliche und emotionale Krisen kompensieren zu können.
### Einordnung
Das Gespräch bietet einen faszinierenden Einblick in analoge Songwriting-Prozesse und entzaubert den Mythos der plötzlichen musikalischen Eingebung zugunsten wochenlanger, manischer Sortierarbeit. Müller agiert als empathischer Zuhörer, der musiktheoretische Beobachtungen geschickt einwebt, ohne belehrend zu wirken. Kritisch zu betrachten ist jedoch die ausgeprägte Ästhetisierung von Lebenskrisen und Armut: Prekäre Aspekte des frühen Tourlebens (wie "Couchsurfing") werden als romantische Begegnungen verklärt. Besonders deutlich wird diese egozentrische Verengung beim Thema Pandemie. Wenn Plewka resümiert: „Also die Pandemie war schlimm. Es sind Leute gestorben und alles, aber für mich persönlich war es genial“, zeigt dies pointiert, wie tiefgreifende Krisen im popkulturellen Diskurs auf ihre reine Nützlichkeit für das eigene Seelenheil reduziert werden. Materielle oder strukturelle Probleme der Musikbranche bleiben in diesem rein nostalgisch-künstlerischen Setting konsequent unangetastet.
### Sprecher:innen
* **Jan Müller** – Moderator und Bassist der Band Tocotronic
* **Jan Plewka** – Musiker, Frontmann der Band Selig und Solokünstler