Der isländische Kulturpodcast "Víðsjá" widmet sich in dieser Folge zwei zentralen Themen: dem 24-stündigen Performance-Kunstprojekt "17 Eldar" von Jakob Veigar Sigurðsson unter der Skeiðarárbrú sowie der Ausstellung "Corpus" im Gerðarsafn, die den menschlichen Körper aus postkolonialer, geschlechtlicher und ökologischer Perspektive beleuchtet. Jakob erzählt, wie er die ehemalige Gletscherlandschaft seiner Kindheit mit einer feierlichen Feuerperformance verabschiedet hat – ein Akt der Erinnerung und des Abschieds. Daría Sól Andrews, Kuratorin der Ausstellung "Corpus", stellt zusammen mit den teilnehmenden Künstler:innen Jeanette Ehlers, Salad Hilowle und Sunneva Ása Weisshappel deren Arbeiten vor, die sich mit Schwarzsein, Geschlechterrollen und der Beziehung zwischen Körper und Umwelt auseinandersetzen.
1. Die Gletscherbrücke als Erinnerungsort
Jakob Veigar Sigurðsson habe die 850 Meter lange Skeiðarárbrú als Ort der Erinnerung gewählt, da sie "nur noch ein Denkmal für vergangene Zeiten" sei. Die Brücke stehe nun trocken, da der Gletscher Skeiðarár verschwunden sei. Er habe 17 kleine Feuer zwischen den Brückenpfeilern entzündet, um "eine Art Wachablösung" zu halten – eine Hommage an die Menschen, die hier früher unter extremen Bedingungen gelebt hätten.
2. Performance als körperliche Transformation
Der Künstler habe während des 24-stündigen Gjörningur etwa 75–80 Kilometer zurückgelegt, um die Feuer am Leben zu erhalten. Er habe "eine Vision" gehabt, die er nun umgesetzt habe – trotz körperlicher Erschöpfung und ohne Schlaf. Die Performance sei zugleich ein persönlicher Transformationsprozess gewesen, da er nach 15–20 Jahren "zurück zur körperlichen Arbeit" gefunden habe.
3. Schwarze Körper und koloniale Geschichte
Jeanette Ehlers, dänisch-trinidadische Künstlerin, präsentiere mit "Black Bullets" ein Video über die Haitianische Revolution – "eine Hommage an den Aufstand gegen das koloniale System". Die Arbeit zeige schwarze Körper, die langsam durch eine surreale Landschaft gehen und sich dabei verdoppeln, bevor sie schließlich verschwinden – ein Bild für koloniale Spuren und postkoloniale Identität.
4. Haare als Träger von Geschlecht und Geschichte
Sunneva Ása Weisshappel nutze in ihren Arbeiten Haare als Material – sowohl menschliches als auch tierisches. Sie spreche damit "Körper, Geschlecht und Geschichte" an. In einer Performance hätten verschiedene Menschen gemeinsam schwere Steine aus einem See gehoben – als Metapher für Beziehungen, die "schwer zu halten sind", aber gemeinsam getragen werden müssen.
5. Körper zwischen Natur und Technik
Die Ausstellung "Corpus" frage insgesamt, wie Körper "nicht als festes Gefäß, sondern als lebendige Form" verstanden werden könnten, die stets mit Umwelt, Kultur und Machtstrukturen verhandelt. Die Künstler:innen würden dabei unterschiedliche Perspektiven einnehmen: Schwarzsein, Geschlechterrollen, ökologische Verwundbarkeit – und die zunehmende Verschmelzung von Körper und Technologie.
Einordnung
Die Sendung führt auf eindrucksvolle Weise zwei künstlerische Positionen zusammen, die beide mit Landschaft, Erinnerung und Identität arbeiten – allerdings auf sehr unterschiedliche Weise. Jakobs Performance ist tief in der isländischen Geschichte verwurzelt und wirkt wie ein privates Ritual, das öffentlich wird. Die Ausstellung "Corpus" dagegen positioniert sich klar im globalen, postkolonialen Diskurs. Besonders bemerkenswert ist, wie sensibel die Moderatorinnen zwischen persönlichem Erzählen und politischem Kontext vermitteln – ohne dabei in Klischees zu verfallen. Die Künstler:innen bekommen Raum, ihre Perspektiven selbst zu artikulieren, was der Sendung Tiefe und Diversität verleiht. Es gelingt eine seltene Balance zwischen lokaler Verortung und globaler Relevanz.
Hörwarnung: Wer ausschließlich Unterhaltung sucht, könnte enttäuscht sein – diese Folge lebt von Reflexion und künstlerischer Tiefe.