In dieser Episode des Berlin Playbook entfaltet Host Gordon Repinski ein engagiertes Plädoyer für eine Neuausrichtung bei der Wahl der nächsten Bundespräsidentin oder des nächsten Bundespräsidenten. Er setzt voraus, dass das Amt nach zehn Jahren Frank-Walter Steinmeier an inspirierender Strahlkraft verloren habe und das Land in einer krisenhaften Zeit dringend Orientierung brauche. Entlang dieser Prämisse schlägt er fünf Kandidat:innen vor, die allesamt keine klassischen Parteipolitiker:innen seien, sondern für eine bestimmte Form des Aufbruchs stünden – von Joe Kaeser für die Wirtschaft über Verena Pauster für eine junge Gründerinnenszene bis hin zu Florence Gaub für geopolitische Zukunftskompetenz. Im weiteren Verlauf diskutiert Repinski mit dem grünen Fraktionsvize Andreas Audretsch sozial- und gesundheitspolitische Reformvorschläge und analysiert mit dem POLITICO-Kolumnisten Jonathan Martin die politischen Folgen des versuchten Anschlags auf Donald Trump sowie des stockenden Iran-Konflikts.
Zentrale Punkte
- Plädoyer für eine:n Aufbruchspräsident:in Das Amt des Bundespräsidenten sei unter Steinmeier „lasch" geworden und bedürfe einer Person, die nicht aus der parteipolitischen Kompromisslogik stamme. Statt einer „politischen Lösung" wie Ilse Aigner brauche es inspirierende Köpfe von außerhalb des Politikbetriebs, die Orientierung stiften und dem Land ein identifikationsstiftendes Angebot machen könnten.
- Grüne als bessere Reformkraft Andreas Audretsch argumentiere, die Grünen hätten mit konkreten Vorschlägen – etwa einer Senkung der Krankenkassenbeiträge um zwei Prozentpunkte oder der Abschaffung der „Rente mit 63" für alle – ein klares Reformprofil. Die Partei positioniere sich damit als Alternative zu einer Regierung, die bei systemischen Änderungen zu zaghaft agiere.
- Trumps politische Zwickmühle Der Iran-Krieg erweise sich für Trump als kaum kontrollierbare Belastung: Er wolle das Thema am liebsten „aus dem Programm nehmen", finde aber keinen gesichtswahrenden Ausweg. Die steigenden Energiepreise infolge des Konflikts gefährdeten mittlerweile nicht nur das Repräsentantenhaus, sondern könnten auch den Senat für die Demokraten in Reichweite bringen.
Einordnung
Die Stärke dieser Episode liegt in ihrem ersten Drittel: Gordon Repinski gelingt es, die Debatte um das höchste Staatsamt aus der üblichen parteitaktischen Engführung zu lösen und mit fünf kontrastreichen Persönlichkeiten ein echtes Gedankenspiel anzubieten. Die Kandidat:innen sind so gewählt, dass sie unterschiedliche gesellschaftliche Sphären abbilden – von der Industrie über die Startup-Szene und den Journalismus bis zur Diplomatie und Zukunftsforschung – und damit tatsächlich die Frage aufwerfen, welches Signal das Amt 2027 aussenden sollte. Dass Repinski die Hörer:innen am Ende in einer Umfrage abstimmen lässt, unterstreicht den partizipativen, fast spielerischen Charakter dieser Intervention.
Kritisch anzumerken ist, dass das Plädoyer fast vollständig als Monolog gehalten wird. Eine Gegenstimme, die etwa die demokratische Legitimation eines „von oben" bestimmten Kandidaten oder die politische Vermittlungsleistung eines parteigestützten Amtes verteidigt, fehlt. Die implizite These, nur Personen von außerhalb des Politikbetriebs könnten „Inspiration" liefern, bleibt unhinterfragt. Auch das Interview mit Audretsch ist zwar kritisch, aber knapp bemessen – die Frage nach dem Renteneintrittsalter etwa wird nicht zu Ende diskutiert. Der Washington-Teil wiederum liefert eine nüchterne und analytisch scharfe Einordnung, die den podcasttypischen Draht zu internationalen Kolleg:innen gut nutzt.
Hörempfehlung: Für alle, die die Bundespräsident:innen-Debatte um eine unkonventionelle Perspektive bereichern möchten, ist das erste Drittel ein kluger, pointierter Denkanstoß.
Sprecher:innen
- Gordon Repinski – Host, Executive Editor bei POLITICO Deutschland
- Andreas Audretsch – Stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Grünen im Bundestag
- Jonathan Martin – Senior Political Columnist, POLITICO Washington D.C.