Im Mai 2026 erscheint in den USA Antonia Seniors Buch „Stalin's Apostles" über die Cambridge Five – jene fünf jungen Männer, die in den 1930er Jahren an der Universität Cambridge für den sowjetischen Geheimdienst rekrutiert wurden und über 17 Jahre hinweg britische und amerikanische Geheimnisse an Stalin verrieten. Senior spricht mit Lawfare-Redakteur Michael Feinberg über Rekrutierung, jahrzehntelange Spionagetätigkeit und die Enttarnung der fünf Doppelagenten.

Das Gespräch kreist vor allem um die Frage, warum die Cambridge Five – insbesondere Kim Philby – so lange als glamouröse, fast bewunderte Figuren in Literatur und Film überleben konnten. Senior argumentiere, dass dies an einer spezifischen kulturellen Dynamik liege: Die Spione seien als eine Art „Establishment-Räuber" gesehen worden, deren Verrat am britischen Klassensystem vielen als Kavaliersdelikt erschienen sei, und nicht als das, was es tatsächlich war – eine Mittäterschaft an Mord und Unterdrückung.

Zentrale Punkte

  • Rekrutierung als sozialer Prozess Die fünf Männer seien über persönliche Netzwerke und eine geteilte linksradikale Überzeugung an der Universität Cambridge rekrutiert worden, was Senior weniger als ideologische Stringenz, sondern als eine Art „soziale Ansteckung" und Ausdruck jugendlicher Überschwänglichkeit beschreibe.
  • Philbys verheerende Doppelrolle Kim Philby sei ausgerechnet zum Leiter der Anti-Sowjet-Abteilung des MI6 ernannt worden, wodurch er sämtliche westlichen Versuche, Agenten hinter den Eisernen Vorhang zu schleusen, habe verraten können – mit der direkten Folge, dass zahlreiche Menschen ermordet worden seien.
  • Konstruierte Mythologie des Anti-Faschismus Die Selbstdarstellung der Spione als Anti-Faschisten sei eine erst nach ihrer Enttarnung sorgfältig aufgebaute Schutzbehauptung gewesen; tatsächlich sei ihr eigentliches Motiv eine kompromisslose Hingabe an die internationale Revolution und die Akzeptanz ihrer blutigen Konsequenzen gewesen.
  • Institutionelle Lähmung nach der Enttarnung Nach der Enttarnung seien Geständnisse mehrfach durch Immunitätszusagen erkauft worden, weil die britischen Behörden aufgrund mangelnder gerichtsfester Beweise handlungsunfähig gewesen seien und ein öffentlicher Prozess als zu blamabel gegolten habe.

Einordnung

Das Gespräch zeichnet sich durch eine nuancierte und quellengesättigte Argumentation aus, die vor allem von den jüngst freigegebenen MI5-Akten profitiert. Senior kann überzeugend darlegen, wie stark die nachträgliche Wahrnehmung der Cambridge Five von einer Mischung aus Klassenromantik und der Faszination für die „graue Welt" der Geheimdienste verzerrt wurde. Indem sie die konkreten Todesopfer benennt – etwa die in Albanien und Osteuropa verratenen Partisanen –, verschiebt sie den Fokus weg von der Ästhetik des Verrats hin zu dessen tödlichen Konsequenzen.

Allerdings bleibt die Analyse auf die Täter zentriert. Die Stimmen und Erfahrungen der Betroffenen in den von den Spionen verratenen Ländern – Polen, Ukraine, Litauen oder Albanien – tauchen nicht auf; sie bleiben eine statistische Randnotiz. Auch wird das Netzwerk der Spione fast ausschließlich aus der Perspektive der westlichen Aufarbeitung und der Faszination für die Persönlichkeiten betrachtet, während die sowjetische Handlungsebene und Logik vergleichsweise blass gezeichnet wird. Das Zitat Seniors, es sei „fast unmöglich zu übertreiben", wie stark Philby britische und amerikanische Geheimdienste kompromittiert habe, verweist zwar auf das Ausmaß, strukturiert die Diskussion aber sprachlich als eine unter Geheimdienstlern.

Hörempfehlung: Eine lohnende und detailreiche Revisionsstunde für alle, die sich für Spionagegeschichte interessieren und die moralische Verklärung der Cambridge Five kritisch hinterfragen möchten.

Sprecher:innen

  • Michael Feinberg – Senior Editor bei Lawfare, Experte für Geheimdienstfragen und Spionageabwehr
  • Antonia Senior – Autorin von „Stalin's Apostles", Journalistin, untersucht die Cambridge Five und deren Mythos