=={{ META START }}== TEASER: Jugendgewalt steigt, die politische Debatte kocht – doch was sagen Wissenschaft und Praxis? Der Deutschlandfunk ordnet ein, warum Fachleute Strafe für unter 14-Jährige für falsch halten. DESC: Kinder- und Jugendkriminalität: Warum Expertinnen auf Prävention statt auf Strafmündigkeit setzen. =={{ META END }}==
Seit der Corona-Pandemie steigen Straftaten von Kindern und Jugendlichen in Deutschland deutlich an – besonders Gewaltdelikte. Ein Messerangriff eines 12-Jährigen im nordrhein-westfälischen Dormagen löste eine erneute politische Debatte aus, ob die Altersgrenze für Strafmündigkeit von 14 auf 12 Jahre gesenkt werden solle. Der Beitrag von Jonas Panning beleuchtet, was Wissenschaft, Justiz und Sozialarbeit zu dieser Frage zu sagen haben – und warum die Fachleute dabei fast einhellig auf Hilfe statt Strafe setzen.
Zentrale Punkte
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Gewalt nimmt zu, Altersgrenze sinkt Die Zahl tatverdächtiger unter 14-Jähriger bei Gewaltdelikten sei seit 2019 um über 70 % gestiegen; der Höhepunkt krimineller Auffälligkeit trete heute bis zu einem Jahr früher ein als früher.
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Strafmündigkeit ändert kaum das Verhalten Forschungsbefunde zeigten, dass sich Jugendliche beim Begehen von Straftaten nicht an Altersgrenzen im Gesetz orientierten – weder strafmündige noch strafunmündige.
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Hilfe statt Haft: Bestehende Wege und ihre Grenzen Häuser des Jugendrechts, Jugendhilfe und Familiengericht böten bereits Möglichkeiten der Intervention; an spezialisierten Wohngruppen und ausreichend Fachkräften für die jüngsten Intensivtäter:innen fehle es jedoch erheblich.
Einordnung
Der Beitrag leistet solide Einordnungsarbeit: Er stellt mehreren politischen Stimmen – darunter NRW-Innenminister Herbert Reul, der eine Debatte über die Strafmündigkeit fordert – konsequent wissenschaftliche Befunde gegenüber und belegt sie mit konkreten Studiendaten. Besonders stark ist die Verbindung von abstrakten Zahlen mit Einblicken in die Praxis, etwa aus dem Kinderheim in Herne.
Auffällig ist, dass die Forderung nach Absenkung der Strafmündigkeit als politische Reaktion auf einen Einzelfall dargestellt wird, ohne die strukturellen Bedingungen dahinter – wie chronische Unterfinanzierung der Jugendhilfe – als eigenständiges Thema zu vertiefen. Die betroffenen Kinder selbst kommen nicht zu Wort; ihre Perspektive bleibt ausgeblendet. Dass Reuls Formulierung, Jugendliche bräuchten „Stress" als Reaktion auf Straftaten, unkommentiert stehen bleibt, ist eine der wenigen Stellen, an denen die journalistische Einordnung aussetzt.
Hörempfehlung: Für alle, die die aktuelle Debatte um Jugendkriminalität jenseits politischer Schlagworte verstehen wollen, liefert diese Episode fundierte Einblicke in Forschung und Praxis.
Sprecher:innen
- Jonas Panning – Autor und Reporter, Deutschlandfunk
- Benjamin Thom – Kriminaloberrat, Leiter der Soko Jugend Gelsenkirchen
- Clemens Kroneberg – Soziologe, Universität Köln; Leiter von Dunkelfeldstudien zur Jugenddelinquenz
- Bernd Holthusen – Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Deutsches Jugendinstitut
- Herbert Reul – CDU-Politiker, Innenminister Nordrhein-Westfalen
- Benjamin Limbach – Grünen-Politiker, Justizminister Nordrhein-Westfalen
- Sandra Müller-Steinhauer – Leitende Oberstaatsanwältin Bielefeld
- Daniel Stinecke – Abteilungsleiter Jugendhilfe, Jugendamt Bielefeld
- Gert Hammehin – Vorsitzender des Deutschen Richterbundes NRW
- Mike Spengler – Sozialarbeiter, evangelisches Kinderheim Herne
- Dimitria Busiko – Fachreferentin für Gewaltprävention, AG Kinder- und Jugendschutz NRW