Die Episode kreist um eine Konferenz des Center for Social Critique, die den Begriff der Krise selbst befragt. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass trotz allgegenwärtiger Krisenrhetorik eine spezifische Blockade eingetreten sei: Krisen führten nicht mehr zur produktiven Zuspitzung, Bearbeitung oder gar Lösung, sondern zu Erschöpfung, Regression und einem Rückzug auf bloßes Überleben. Als selbstverständlich gesetzt wird dabei die Annahme, dass die gegenwärtigen Krisenphänomene – ökologisch, ökonomisch, politisch – systemischen Charakter haben und der Kapitalismus als treibende Kraft hinter ihnen steht. Strittig ist dagegen, ob das theoretische und politische Instrumentarium, das aus der Tradition von Marx und der Kritischen Theorie stammt, überhaupt noch greift oder ob eine qualitativ neue, katastrophische Zeitdiagnose erforderlich sei.
Im Gespräch verdichten sich zwei widerstreitende Perspektiven: Eine stärker soziologisch-deskriptive, die eine demobilisierende Erschöpfung der Subjekte konstatiert, und eine philosophisch-normative, die bereits in der Beschreibung selbst politische Implikationen sieht und auf der Notwendigkeit einer transformatorischen Praxis beharrt. Die Episode dokumentiert damit ein Ringen um die Deutungshoheit über das, was „Krise“ heißen kann, wenn die alten Gewissheiten über Fortschritt und Revolution zerfallen sind.
Zentrale Punkte
- Krise als blockierte Produktivität Der klassische Krisenbegriff berge trotz aller Dramatik ein optimistisches Moment: die Vorstellung, dass aus immanenten Widersprüchen eine Bearbeitung oder Lösung erwachse. Eben diese Produktivität sei heute fraglich geworden; an ihre Stelle trete eine Abfolge von Katastrophen, auf die nur noch mit Überlebensstrategien reagiert werde.
- Krise als Deutungskampf Krisen seien nicht einfach objektiv gegeben, sondern würden gemacht und erklärt – und zwar immer aus einer spezifischen politischen Position. Die Bezeichnung von etwas als „Migrationskrise“ etwa sei bereits eine regressive Rahmung, die strukturelle Ursachen verberge und das Feld für rechte Antworten öffne.
- Normativität bloßer Beschreibung Die Behauptung, Menschen seien nur noch an Selbsterhaltung statt an Emanzipation interessiert, sei keine neutrale Empirie, sondern eine normative Aussage. Sie verkenne, dass selbst das Streben nach reinem Überleben auf eine als beschädigt erfahrene Zukunftsbeziehung verweise – und dass ein Leben ohne jeden emanzipatorischen Horizont nicht funktioniere.
- Transformation im Kleinen und im Großen Gegen die reine Katastrophenerwartung werden Ansätze eines „Kanalisationssozialismus“ und der Demokratisierung von Infrastrukturen gesetzt. Diese lokalen Eingriffe seien jedoch nur sinnvoll, wenn sie in eine internationale, antikapitalistische Transformationsperspektive eingebettet blieben und die Verschiebung von Krisen zulasten anderer vermieden werde.
Einordnung
Die Episode macht die Arbeit an einem geschärften Krisenbegriff nachvollziehbar und stellt unterschiedliche intellektuelle Stile nebeneinander: die nüchterne Soziologie, die planetarische Geschichtsphilosophie und die an konkreten Kämpfen orientierte Kapitalismuskritik. Darin liegt eine anregende Spannung, denn es geht nicht um das Abhaken von Positionen, sondern um die Suche nach einem Vokabular, das der Komplexität der Gegenwart gewachsen ist. Die Beiträge von Isabella Weber und Joseph Vogl etwa werden so eingeführt, dass konkrete politische Implikationen – Anti-Faschismus als Wirtschaftspolitik, das Verblassen der Produktivkraft des Negativen – sichtbar werden. Gut gelingt auch, sichtbar zu machen, wie stark die Krisendeutung immer schon von Machtverhältnissen durchzogen ist: Wer hat das Recht, eine Krise auszurufen, und zu wessen Gunsten?
Kritisch zu sehen ist, dass das Gespräch über weite Strecken bekenntnishaft bleibt und die eigenen theoretischen Prämissen kaum hinterfragt. Dass die Krisen notwendig systemischen Charakter haben, der Kapitalismus ihr Haupttreiber ist und nur eine radikale Transformation Rettung verspricht, wird als unstrittiger Ausgangspunkt gesetzt, nicht geprüft. Alternative Krisentheorien – etwa solche, die nicht auf Bearbeitung und Konflikt setzen, sondern auf Anpassung, Resilienz oder technologische Sprünge – werden innerhalb des Formats nicht zu eigenständigen Stimmen, sondern nur als Folie für die eigene Position aufgerufen. Auch die Frage, ob der Normativitätsvorwurf an die deskriptive Soziologie nicht selbst eine Art Deutungsmonopol errichten will, bleibt ungestellt. Wer die eigene Haltung teilt, findet hier einen elaborierten Gesprächsraum; eine Konfrontation mit gänzlich anderen Analyseformen findet nicht statt.
Hörempfehlung: Für Hörer:innen, die sich mit kritischer Gesellschaftstheorie befassen und nach Wegen suchen, den Krisenbegriff jenseits von Alarmismus und Fatalismus zu denken, bietet die Episode ein dichtes Panorama aktueller Debatten.
Sprecher:innen
- Jacob Blumenfeld – Moderator, Philosoph, Mitglied des Center for Social Critique
- Rahel Jaeggi – Professorin für Sozialphilosophie, Co-Direktorin des Center for Social Critique
- Robin Celikates – Professor für Sozialphilosophie, Co-Direktor des Center for Social Critique