Salim Nasereddeen, selbst palästinensisch-jordanischer Herkunft, zeichnet im Gespräch mit Nadim die Geschichte Jordaniens als eine Abfolge imperialer Machtinteressen nach. Der Bogen reicht vom britisch-französischen Sykes-Picot-Abkommen über die Einsetzung der Haschemiten als lokale Herrscherfamilie bis zur heutigen Rolle des Königreichs als militärischer und wirtschaftlicher Partner Israels und der NATO. Die zentrale These: Die mehrheitlich palästinensischstämmige Bevölkerung Jordaniens sei durch die gewaltsame Zerschlagung der PLO 1970 politisch enthauptet worden und verharre seither in einem Zustand erzwungener Resignation, bei dem Loyalität zum Königshaus die Bedingung für ein Leben ohne Repression darstelle.
Ökonomische Verflechtungen – etwa Gaslieferungen und Industrieparks mit israelischer Kapitalbeteiligung – würden dabei eine Normalisierung absichern, die in weiten Teilen der Gesellschaft als Verrat am palästinensischen Anliegen empfunden werde. Die Darstellung setzt Imperialismus und koloniale Kontinuitäten als unhinterfragte Rahmung voraus; alternative geopolitische Lesarten, etwa sicherheitspolitische Eigeninteressen Jordaniens, werden nicht eingeholt.
Zentrale Punkte
- Sykes-Picot als koloniale Ursünde Die heutige Staatenordnung des Nahen Ostens sei ein Produkt britisch-französischer Geheimdiplomatie. Die Haschemiten-Monarchie in Jordanien sei keine authentische Staatsgründung, sondern von den Briten als Kompromisslösung eingesetzt worden, um imperiale Interessen nach dem Zerfall des Osmanischen Reichs abzusichern.
- Schwarzer September als politische Zäsur Der Bürgerkrieg 1970/71 zwischen der jordanischen Armee und palästinensischen Guerillaorganisationen habe die PLO-Führung vertrieben und die palästinensische Bevölkerung Jordaniens ihrer politischen Vertretung beraubt. Seither werde palästinensischer Nationalismus nur noch in loyalistisch eingehegten Bahnen geduldet.
- Wirtschaftliche Normalisierung als Win-Win-Fassade Über Wasser- und Gashandel sowie QIZ-Industrieparks sei Jordanien ökonomisch eng mit Israel verzahnt. US-Abkommen schüfen Abhängigkeiten, die den Status quo stabilisierten – zum Preis stillschweigender Billigung der Besatzung durch die jordanische Staatsführung.
- Entpolitisierung als Herrschaftsprinzip Protest gegen die israelische Politik in Gaza und der Westbank finde zwar statt, werde aber durch Repression und symbolische Zugeständnisse der Monarchie systematisch kanalisiert. Linke und islamistische Opposition werde teils verboten, teils in bedeutungslose Legalität gezwungen – politische Resignation sei die Folge.
Einordnung
Das Gespräch leistet eine kohärente historische Einordnung eines im deutschsprachigen Diskurs selten behandelten Akteurs. Nasereddeen verknüpft Kolonialgeschichte, innerpalästinensische Dynamiken und geopolitische Ökonomie zu einer nachvollziehbaren Analyse, die Widersprüche der jordanischen Position greifbar macht: ein Staat, dessen Bewohner:innen mehrheitlich Nachfahr:innen von Nakba-Vertriebenen sind, dessen Führung aber israelische Militärschläge aktiv unterstützt. Die Schilderung wirtschaftlicher Abhängigkeiten – Wasser, Gas, QIZ-Zonen – bietet konkrete Ankerpunkte, an denen sich das abstrakte Konzept „Normalisierung" festmachen lässt.
Die Perspektive bleibt jedoch innerhalb eines geschlossenen antiimperialistischen Deutungsrahmens. Jordanische Handlungsspielräume werden fast ausschließlich als Funktion westlicher und israelischer Interessen gedeutet; Momente eigenständiger Staatsräson oder sicherheitspolitischer Kalkulation – etwa die Furcht vor einem palästinensischen Staat im Staat – werden benannt, aber stets als vorgeschobene Machterhaltungslogik gerahmt. Die Darstellung der jordanischen Monarchie ist durchgehend funktionalistisch: Sie erscheint als bloßes Werkzeug, nicht als Akteur mit eigenen, potenziell widersprüchlichen Motiven. „Also es ist es ist ja auch eine spezielle Situation, dass eine Monarchie ist und dass wirklich politische Macht äh es ist auch so durch durch durch auch Gewalt bereitgestellt, ähm sich ergibt aus Loyalität zum König." – dieses Zitat illustriert, wie politische Herrschaft primär als Unterdrückungsverhältnis dargestellt wird, ohne die Legitimationsressourcen zu beleuchten, die das haschemitische Königshaus tatsächlich stabilisieren. Für ein Publikum, das mit dieser Perspektive bereits vertraut ist, bietet die Episode eine fundierte Vertiefung; wer abweichende Deutungen sucht, wird sie hier nicht finden.
Hörempfehlung: Für Hörer:innen, die verstehen wollen, warum ein mehrheitlich palästinensisches Land als israelischer De-facto-Verbündeter agiert, bietet die Episode eine dichte, historisch unterfütterte Erklärung aus dezidiert linker Perspektive.
Sprecher:innen
- Nadim – Host des linken Politik-Podcasts „99 ZU EINS"
- Salim Nasereddeen – Gast mit palästinensisch-jordanischem Hintergrund aus Berlin, hielt Vortrag zur Geschichte Jordaniens