Sönke Neitzels viel zitierte Warnung vor dem „letzten Sommer in Frieden“ steht im Zentrum dieses Gesprächs. Der Militärhistoriker räumt ein, er sei heute zwar optimistischer als im Vorjahr, weil sich die militärische Lage der Ukraine verbessert habe und höhere Verteidigungsinvestitionen beschlossen worden seien. Doch ein Weckruf bleibe nötig: Ein begrenzter russischer Angriff auf NATO-Gebiet sei weiterhin ein realistisches Szenario, das man nicht ausschließen könne. Markus Feldenkirchen fragt kritisch nach, ob es sich bei Neitzels markantem Satz um pädagogisch motivierte Panikmache gehandelt habe und wie wahrscheinlich die geschilderten Eskalationen tatsächlich sind.
Im Gespräch wird militärische Stärke als unhinterfragte Grundvoraussetzung für Diplomatie und Sicherheit gesetzt. Neitzel stellt die Behauptung, Waffen schafften keinen Frieden, als naive Illusion dar und misst politischem Handeln vor allem danach, ob es schnell genug zu mehr Aufrüstung führt. Die Diskussion verbleibt in einem sicherheitspolitischen Rahmen, in dem die Notwendigkeit massiver Investitionen in Streitkräfte und die Wiedereinführung einer Wehrpflicht nicht grundsätzlich zur Disposition stehen.
Zentrale Punkte
- Rücknahme bei gleichbleibender Warnung Neitzel sei heute „optimistischer“ als 2025, da die Ukraine militärisch besser dastehe und die NATO mehr investiere. Er distanziere sich von der Formulierung des „letzten Sommers“, beharre aber darauf, dass ein begrenzter russischer Angriff auf das Baltikum nicht ausgeschlossen werden könne.
- Putins potenzielle Rationalität Ein russischer Test der NATO-Bündnistreue sei aus Putins Perspektive durchaus rational, wenn er den Widerstandswillen des Westens als schwach einschätze. Als historische Parallele diene der japanische Angriff auf Pearl Harbor, wo eine ähnliche Kalkulation zugrunde gelegen habe.
- Dysfunktionale Bundeswehr Die Bundeswehr leide unter einem überbordenden Verwaltungsapparat, bei dem über die Hälfte der Soldat:innen im „Overhead“ arbeite. Trotz gestiegener Budgets sieht Neitzel kaum Fortschritte bei institutionellen Reformen und kritisiert, dass Verteidigungsminister Pistorius sich zu wenig traue.
- Europa ohne Plan und Führung Es fehle an überzeugten Europäer:innen an den Regierungsspitzen. Weder Friedrich Merz noch Emmanuel Macron hätten einen erkennbaren Plan für eine gemeinsame Verteidigung, stattdessen herrsche eine Phase der Renationalisierung in der Rüstungspolitik.
Einordnung
Das Gespräch bietet ein dichtes Panorama sicherheitspolitischer Bedrohungswahrnehmungen aus der Perspektive eines prominenten Militärhistorikers. Neitzel argumentiert differenziert, unterscheidet sorgfältig zwischen verschiedenen Eskalationsstufen und vermeidet hysterischen Alarmismus. Feldenkirchen hakt bei konkreten Szenarien präzise nach und entgegnet Neitzels historischen Analogien mit berechtigten Rückfragen. Die Episode lebt von dieser ruhigen, aber hartnäckigen Interviewführung.
Die Einordnung profitiert davon, wie Neitzel den Vorwurf der Panikmache selbst thematisiert und historische Vergleiche nutzt, um seine Argumentation zu untermauern. Auffallend ist, dass die Notwendigkeit von Aufrüstung und Wehrpflicht als alternativlos präsentiert wird, ohne dass wirtschaftliche, soziale oder friedenspolitische Gegenargumente ernsthaft Raum erhalten. Der Begriff der „Naivität“ dient mehrfach als rhetorisches Mittel, um abweichende Positionen zu diskreditieren – etwa die von Richard David Precht, dem Neitzel pauschal die Expertise abspricht und empfiehlt, zu bestimmten Themen „einfach mal den Mund (zu) halten“. Statt die Substanzen dieser Positionen zu widerlegen, wird ihnen schlicht die Legitimität entzogen.
Ausschlaggebend ist hier nicht die militärhistorische Fachexpertise, sondern die Setzung, dass nur NATO-Insider die Lage richtig beurteilen könnten. Dass diese einer eigenen institutionellen Logik folgen, blendet Neitzel aus. Auch die Frage, ob die deutschen Ost-West-Unterschiede in der Sicherheitspolitik mehr sind als Ausdruck unaufgeklärter „Glaubenssysteme“, wird von ihm nicht vertieft. Ein Satz illustriert das Selbstverständnis, mit dem hier ein Deutungsmonopol beansprucht wird: „Und es wundert mich dann immer noch, wie manche dran festhalten, Waffen schaffen keinen Frieden und so weiter, Konflikte können mit militärischen Mitteln gelöst werden, muss man sagen, leider doch.“ Das schließt eine Debatte, bevor sie begonnen hat.
Hörempfehlung: Lohnend für alle, die ein aktuelles Stimmungsbild aus der sicherheitspolitischen Expertenszene suchen – mit kritischem Abstand zu jenen unhinterfragten Prämissen, die das ganze Gespräch strukturieren.
Sprecher:innen
- Markus Feldenkirchen – Moderator, Autor im SPIEGEL-Hauptstadtbüro
- Sönke Neitzel – Militärhistoriker, Professor für Militärgeschichte an der Universität Potsdam