Der Politikwissenschaftler Tom Schaller zeichnet im Newsletter „Public Notice“ ein düsteres Bild der aktuellen politischen Lage in den USA. Er argumentiert, dass Donald Trump trotz seines Strebens nach Verehrung zum unbeliebtesten Präsidenten der US-Geschichte avanciert sei. Die Zustimmungswerte lägen 15 Monate nach dem Start der zweiten Amtszeit bei einem Netto-Minus von 21,6 Prozent, was deutlich schlechter sei als bei Joe Biden oder Barack Obama zum gleichen Zeitpunkt. Schaller führt diesen Absturz primär auf die Eskalation im Iran-Krieg und die radikalen Einsätze der Einwanderungsbehörden in Minneapolis zurück. Die Mehrheit der US-Bürger:innen sehe die zweite Amtszeit mittlerweile als Fehlschlag oder gar Katastrophe an, sofern man den harten Kern der MAGA-Anhänger:innen ausklammere.
Ein besonders überraschender Aspekt der Analyse ist die Erosion der Unterstützung in Trumps Kernzielgruppen. Während er 2024 noch eine breite Koalition aus jüngeren Wähler:innen und Bürger:innen mit Migrationshintergrund schmieden konnte, bröckelt dieser Rückhalt nun massiv. Bei den 18- bis 34-Jährigen sei die Zustimmung von einem leichten Minus auf erschreckende -60 Prozent gefallen. Schaller betont, dass Trump selbst bei der weißen Arbeiterklasse, seiner wohl wichtigsten Basis, mittlerweile leicht im Minus stehe. Er zitiert hierzu pointiert: „Trump hat das Land verloren. Und die Hälfte der Amerikaner:innen ist über das bloße Sauersein hinaus – sie haben ihn satt.“ Die Daten legen nahe, dass die Wähler:innen der ständigen Unruhe überdrüssig geworden sind.
Inhaltlich wird dem Präsidenten vor allem sein Versagen in der Wirtschafts- und Außenpolitik vorgeworfen. Die versprochene Entlastung der Bürger:innen sei durch die „Trumpflation“ ins Gegenteil verkehrt worden, da Zölle und der Mangel an Arbeitskräften die Preise antreiben. Besonders der Krieg gegen den Iran habe viele ehemalige Unterstützer:innen entfremdet, da kein klarer Plan erkennbar sei und das Risiko für amerikanische Leben als zu hoch eingestuft werde. Die Unzufriedenheit spiegele sich auch in den Erwartungen für die kommenden Midterm-Wahlen wider, bei denen die Demokrat:innen derzeit einen Vorsprung von zehn Punkten in den Umfragen hielten. Schaller stellt fest, dass „Bidenflation“ nun endgültig zur „Trumpflation“ geworden sei und Trump für die steigenden Benzinkosten die volle Verantwortung trage.
Zusätzliche Kontroversen lösten laut Schaller jüngste Social-Media-Aktivitäten aus, in denen Trump Bilder verbreitete, die ihn mit Jesus Christus verglichen. Diese Form der Selbstdarstellung stieße selbst bei moderaten Konservativen auf Ablehnung. Schaller resümiert, dass die Kombination aus wirtschaftlichem Druck, außenpolitischem Wagnis und persönlicher Hybris Trump in eine gefährliche Lage gebracht habe. Die Erschöpfung der Wähler:innen nach über zehn Jahren politischer Dominanz Trumps sei nun ein entscheidender Faktor. Mit noch fast drei Jahren verbleibender Amtszeit könne diese Verzweiflung den Präsidenten unberechenbarer machen als je zuvor.
Einordnung
Die Analyse von Tom Schaller ist durch ein dezidiert kritisches Framing geprägt, das sich auf eine breite Basis aktueller Umfragedaten stützt. Schaller nutzt seine Expertise als Politologe, um komplexe demografische Verschiebungen verständlich aufzuarbeiten, wobei er eine klare pro-demokratische Perspektive einnimmt. Der Text setzt voraus, dass die ökonomischen Kennzahlen und die Kriegsmüdigkeit der Bevölkerung die stärksten Treiber des politischen Wandels sind. Dabei werden Gegenpositionen oder mögliche Erfolge der Regierung konsequent ausgeblendet, was die Analyse zu einer pointierten Streitschrift gegen die aktuelle Administration macht. Besonders der Begriff „Trumpflation“ dient als rhetorisches Mittel, um die Verantwortung für globale wirtschaftliche Trends einseitig dem Präsidenten zuzuschreiben.
Gesellschaftlich ist dieser Newsletter hochrelevant, da er die tiefen Gräben innerhalb der US-Gesellschaft und die potenzielle Instabilität einer zweiten Trump-Regierung thematisiert. Die detaillierte Aufschlüsselung der Wählergruppen bietet einen wertvollen Einblick für alle, die verstehen wollen, warum politische Allianzen zerbrechen. Der Text ist absolut lesenswert für politische Beobachter:innen, die eine fundierte, datenbasierte Kritik am Trumpismus suchen. Er liefert starke Argumente für die These, dass Trumps Machtbasis durch die Realität des Regierens schneller erodiert als von vielen erwartet. Eine klare Empfehlung für Leser:innen, die sich für die Auswirkungen von Populismus auf staatliche Institutionen interessieren.