Ben Kutz kommentiert in der Altpapier-Kolumne des MDR die anhaltende Debatte um ein Social-Media-Verbot für Jugendliche. Er nimmt zunächst die jüngsten Forderungen des Deutschen Ärztetages und der Jungen Union Bayern ins Visier und bewertet deren Vorschläge als widersprüchlich: Der ärztliche Appell, Plattformen in die Pflicht zu nehmen und gleichzeitig junge Menschen nicht auszuschließen, stehe im Gegensatz zu einem stumpfen Verbot. Die von der Jungen Union angedachten FSK-ähnlichen Freigaben seien zwar näher an der Lebensrealität, drohten aber in einem „Bürokratiemonster“ zu enden.

Der Fokus des Textes liegt jedoch auf der EU-Ebene. Kutz zeichnet ein kritisches Bild von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, die mit Nachdruck ein Verbot forciert. Er zitiert ihre emotional aufgeladene Rhetorik – „Geben wir den Kindern die Kindheit zurück“ – und verweist auf die Analyse von netzpolitik.org, wonach sie damit das „Playbook der australischen Regierung“ nutze. Von der Leyen setze auf Emotionen statt auf Fakten und nehme die Ergebnisse eines noch arbeitenden Expert:innengremiums de facto vorweg, was Kutz als Versuch wertet, die Empfehlungen der Wissenschaft zu ignorieren.

Der Kern der Argumentation ist eine klare Prioritätenverschiebung: Statt Jugendliche auszuschließen, müsse man die Plattformen zur Offenlegung suchtfördernder Algorithmen zwingen. Diese Gefahren beträfen schließlich alle Nutzer:innen, nicht nur Minderjährige. „Ja, isso!“, stimmt Kutz einer Kommentatorin zu – die Verantwortung werde fälschlicherweise von den Konzernen zu den Familien verschoben. Ein Verbot bekämpfe nur Symptome, nicht die strukturellen Probleme der Plattformen.

Das gewichtigste Argument des Kolumnisten gegen das Verbot ist technischer und demokratietheoretischer Natur. Er erklärt, dass konsequente Alterskontrollen nur durch eine Regulierung von VPNs möglich wären. Damit würde eine zentrale Säule der digitalen Freiheit fallen: die anonyme Kommunikation. Kutz zitiert die Warnung, dass dies Werkzeuge für Whistleblower:innen, Journalist:innen und Oppositionelle gefährde und autoritärem Vorgehen ähnele. Das Verbot wäre also entweder durch VPN-Tricks „vollkommen zahnlos“ – oder es würde unsere Freiheit gefährden. Beide Optionen seien für ihn nicht erstrebenswert.

Einordnung

Die Analyse besticht durch eine stringente Argumentation gegen das Social-Media-Verbot und benennt die zentrale demokratische Gefahr für das freie Internet klar. Allerdings blendet der Text fast vollständig die Perspektive derjenigen aus, die gerade aus pädagogischer oder psychologischer Sicht ein Verbot als letztes Mittel befürworten, und stellt deren Motive als rein emotional dar. Die eigene Wertung – dass Plattform-Regulierung dem Verbot überlegen ist – wird als objektiv richtig gesetzt, ohne die immensen politischen Hürden für eine globale Einhegung der Konzerne zu thematisieren. So wird ein liberales Freiheitsnarrativ stark gemacht, das die schädlichen Auswirkungen auf Jugendliche zwar anerkennt, aber das reine Verbot als den falschen Eingriff sieht.

Die Lektüre ist für alle lohnenswert, die verstehen wollen, warum ein vermeintlich simpler Jugendschutz tief in die Architektur des offenen Internets eingreift und demokratische Grundrechte gefährden kann – auch wenn sie die empfohlenen Alternativen als naiv kritisieren könnten.