In diesem Interview spricht der Labour-Bürgermeister von London, Sadiq Khan, mit dem politischen Redakteur Adam Bienkov über ein Jahrzehnt im Amt. Das Gespräch, das vor den schlechten kommunalen Wahlergebnissen für Labour aufgezeichnet wurde, kreist um den Zustand der politischen Kultur. Khan schildert, wie sich eine Politik, die vor zehn Jahren als rassistische Hundepfeife am Rand galt, in den Mainstream verschoben habe. Die Art, wie über seine Person und den Islam gesprochen werde, zeuge von einer strategischen Nachahmung rechter Diskurse durch die Konservative Partei. Als selbstverständlich vorausgesetzt wird, dass soziale Medienplattformen heute die zentrale Arena politischer Auseinandersetzung sind und dort eine „Empörungsökonomie“ vorherrsche, die gezielt Desinformation und Spaltung belohne.
Zentrale Punkte
- Normalisierung anti-muslimischer Rhetorik Khan argumentiere, dass anti-muslimische Kampagnen, die 2016 noch als anstößig galten, heute von der offiziellen Opposition normalisiert würden. Begriffe wie „Dominanzakt“ würden gezielt eingesetzt, um eine ausgrenzende, mono-religiöse Vorstellung von britischer Kultur zu zeichnen und Wähler:innen durch Angst zu gewinnen.
- Die „Empörungsökonomie“ in den sozialen Medien Algorithmen von Big Tech belohnten bewusst Polarisierung und Hass, was zu realer Gewalt führe. Khan selbst werde als „Clickbait“ monetarisiert. Er behaupte, dass staatliche Akteure und rechte Gruppen Desinformation über London streuten, während die Tech-Unternehmen mit ihrer Intransparenz ähnliche Fehler wie einst die Tabakindustrie machten.
- Die saubere Luft als Stellvertreter im Kulturkampf Die Ausweitung der Umweltzone (ULEZ) sei gegen fast alle Parteien durchgesetzt worden. Khan stelle dieses evidenzbasierte Projekt als Kampf gegen einen finsteren, mit Desinformation betriebenen Kulturkampf dar, der sogar einen Bombenanschlag auf eine Kamera motiviert habe.
- Migrationspolitik als Drei-Säulen-Modell Khans eigener Migrationshintergrund präge seine Kritik an der Labour-Regierung. Er fordere eine Politik aus Kontrolle, Mitgefühl und dem Anerkennen von Beiträgen. Nachträgliche Verschärfungen wie die Verlängerung von Aufenthaltsfristen seien für ihn ein unfairer Regelbruch gegenüber Menschen, die rechtmäßig im Land seien.
Einordnung
Das Gespräch bietet eine seltene Vogelperspektive auf ein Jahrzehnt im Amt und die globale Vernetzung rechter Diskursstrategien, die Khan kenntnisreich darlegt. Die Stärke liegt in der klaren Benennung von Akteuren und Mechanismen, etwa wie Fehlinformationen rund um die Umweltzone bewusst als Stellvertreterthema im Kulturkampf instrumentalisiert wurden. Khan zeichnet ein kohärentes Bild der Verbindungen zwischen Äußerungen von Trump, der Nachahmung durch die Tories und persönlichen Hasswellen. Seine Bereitschaft, mit den Grünen respektvoll zu kooperieren, illustriert authentisch eine andere, auf Bündnisse setzende Diskussionskultur.
Dennoch bleiben viele der strukturellen Rahmenannahmen unhinterfragt. Die Wohnungs- und Lebenshaltungskostenkrise wird zwar benannt, aber die systemischen Ursachen eines auf Wachstum und Spekulation basierenden Stadtmodells werden nicht angerissen. Dass der Zuzug von Menschen als per se positiv gilt, während Familien verdrängt werden, bleibt ein unaufgelöster Widerspruch. Auch bei der Migration setzt Khan Kontrolle an die erste Stelle – eine Prämisse, die restriktive Logiken übernimmt, bevor er sie mit dem Aspekt des Mitgefühls abmildert. Kritische Perspektiven, die etwa grundlegende Eigentumsverhältnisse am Wohnungsmarkt oder ein bedingungsloses Recht auf Bewegungsfreiheit thematisieren, kommen nicht vor. Das Zitat, eine gute Regierungsarbeit bestehe darin, die Beiträge von Migrant:innen anzuerkennen, weil man "nicht 3.000 Meilen reist, um auf dem Hintern zu sitzen", illustriert eine Verknüpfung von Aufenthaltsrecht mit ökonomischer Nützlichkeit, die diskutabel ist.
Hörempfehlung: Für alle, die verstehen wollen, wie ein erfahrener sozialdemokratischer Politiker die globale Rechtsverschiebung analysiert und strategisch mit ihr umgeht.
Sprecher:innen
- Sadiq Khan – Bürgermeister von London (Labour); seit 2016 im Amt, prominenter muslimischer Politiker
- Adam Bienkov – Politischer Redakteur bei Byline Times; Interviewer mit langjähriger Beobachtung Khans