In dieser Folge von „Das Wissen“ wird der Boom von True Crime-Formaten einer Kritik unterzogen: Zu sehr richteten sie den Blick auf Täter:innen, zu wenig auf die Folgen für Opfer und Angehörige. Anhand des Falls von Sandra App, deren Eltern ermordet wurden und die später ungewollt mit einem Podcast über die Tat konfrontiert wurde, wird die Kehrseite des Genres greifbar. Gastgeberin Johanne Burkhart lässt sowohl Betroffene als auch Psychologinnen, eine Journalistin des Opferschutzvereins Weißer Ring und True-Crime-Produzenten zu Wort kommen. Gemeinsam wird verhandelt, ob und wie wahre Verbrechen erzählt werden können, ohne diejenigen zu verletzen, deren Leid im Zentrum der Geschichten steht.
Zentrale Punkte
- Morbide Neugier statt reiner Sensationslust Entgegen verbreiteter Annahmen sei das Hauptmotiv der Hörer:innen nicht Voyeurismus, sondern ein psychologisches Bedürfnis, sich in sicherer Umgebung mit Ängsten vor realer Gewalt auseinanderzusetzen – besonders ausgeprägt bei Frauen als eine Art „verteidigende Wachsamkeit”.
- Mediale Konfrontation vertieft Traumata Für Betroffene könne die unkontrollierte Wiederbegegnung mit der Tat in Podcasts eine Retraumatisierung auslösen, da die medialen Erzählungen oft spekulativen oder verzerrten Charakter hätten und die erlebte Hilflosigkeit erneuerten, statt Heilung zu ermöglichen.
- Einwilligung als ethischer Mindeststandard Eine opfersensible Erzählweise erfordere die informierte Einwilligung der Betroffenen und den Verzicht auf unnötig dramatische Details wie Schussgeräusche. Gleichzeitig berge das Format das Potenzial, über gesellschaftliche Missstände und Prävention aufzuklären.
Einordnung
Die Stärke der Folge liegt in ihrer Multiperspektivität: Indem sie einer Betroffenen viel Raum gibt und deren Erfahrung wissenschaftlich durch eine Traumapsychologin einordnen lässt, vermeidet sie eine bloß akademische Debatte. Gleichzeitig wird die Position der Produzenten nicht pauschal verurteilt; so wird etwa die juristische Argumentation von Holger Schmidt, der zufolge das Strafrecht sich zwangsläufig auf Täter konzentriere, nachvollziehbar dargestellt, ohne sie unhinterfragt zu lassen. Die Sendung arbeitet so heraus, dass True Crime nicht per se schädlich ist, sondern sein Wert davon abhängt, ob es gelingt, aus der Unterhaltung auch gesellschaftliche Aufklärung abzuleiten.
Kritisch anzumerken bleibt, dass die ökonomische Dimension des Genres nur gestreift wird. Der Hinweis, dass Einwilligung Produktionen aufwendiger und teurer mache und daher ein Geschäftsmodell gefährden könnte, wird nicht vertieft. Auch bleiben die algorithmischen Anreize der Streaming-Plattformen, die besonders reißerische Inhalte belohnen, unerwähnt. Die Diskussion verharrt so weitgehend auf der Ebene individueller Verantwortung von Produzierenden und Konsumierenden, ohne die strukturellen Marktbedingungen zu hinterfragen, die opferunsensibles True Crime so profitabel machen. Ein Zitat des Hosts verdeutlicht die implizite Prämisse, dass ein blutiger Fall automatisch mehr Publikumsinteresse generiert: „blutige Morde werden besser goutiert".
Hörempfehlung: Für alle, die selbst True Crime konsumieren oder sich mit Medienethik befassen, bietet diese Folge einen differenzierten und praxisnahen Einstieg in die Frage, wie spannendes Erzählen und Opferschutz zusammengehen können.
Sprecher:innen
- Johanne Burkhart – Autorin und Sprecherin der Folge, führt durch die Reportage und Interviews
- Sandra App – Betroffene, deren Eltern einem Mord zum Opfer fielen; schildert ihre Erfahrungen mit Medien
- Corinna Perchtold-Stefan – Psychologin, Uni Graz; forscht zu den Motiven von True-Crime-Konsument:innen
- Judith Daniels – Professorin für klinische Psychologie, Uni Groningen; Expertin für Traumafolgestörungen
- Selina Stiegler – Journalistin beim Magazin des Opferschutzvereins Weißer Ring
- Holger Schmidt – Host des True-Crime-Podcasts „Sprechen wir über Mord?", Jurist
- Georg Brandl – Redakteur des Podcasts „Sprechen wir über Mord?"
- Ingrid Stapf – Medienethikerin, Uni Tübingen; beschäftigt sich mit Kinderrechten und Forschungsethik