Anhand des Romans „Ja, nein, vielleicht" von Doris Knecht unternehmen Journalistin Sabine Meyer und Psychotherapeutin Felizitas Ambauen eine sogenannte Schema-Analyse. Die fiktive Protagonistin – eine namenlose Frau Mitte fünfzig – wird psychologisch durchleuchtet, um Fragen zu Altern, Bindung und Autonomie zu verhandeln. Die Analyse der Figur ermögliche es, therapeutische Konzepte greifbar zu machen, ohne realen Personen zu nahe zu treten.
Drei zentrale Annahmen ziehen sich durch das Gespräch: Die Entscheidung gegen eine romantische Partnerschaft gelte gesellschaftlich weiterhin als erklärungsbedürftig – besonders bei Frauen. Die Lebensphase nach dem Muttersein und nach einer Trennung eröffne Frauen eine neue, fast jugendliche Freiheit, die gleichzeitig die Herausforderung berge, etablierte Muster nicht einfach durch Vermeidung zu ersetzen. Und: Gerade im Alter seien verlässliche soziale Beziehungen unerlässlich, wobei romantische Liebe nicht die oberste Priorität haben müsse.
Zentrale Punkte
- Zufriedenheit ohne romantische Bindung Der Roman zeichne das Bild einer Frau, die nach der Trennung und dem Auszug der Kinder bewusst in ihrer Unabhängigkeit ruhe. Dieses für sich sorgende Alleinsein breche mit der gesellschaftlichen Erwartung, dass eine Frau in diesem Alter nach einer neuen Partnerschaft streben müsse. Ihr Wohlbefinden müsse sie jedoch oft rechtfertigen.
- Vermeidung als Schutz, nicht nur als Stärke Psychotherapeutin Ambauen diagnostiziere bei der Protagonistin ein starkes Vermeidungsverhalten, etwa bei Konflikten mit der Schwester oder der inneren Abwertung neuer Beziehungsmöglichkeiten. Ihr gesundes „Alleinwohlsein" sei einerseits Ausdruck eines gestärkten Erwachsenen-Ichs, trage aber auch Züge einer Vermeidung von potenziell verletzenden Emotionen und Bindungsrisiken.
- Der unerwünschte Blick von außen Mit dem Auftauchen der alten Liebe „Friedrich" reaktiviere die Figur unwillkürlich alte, geschlechterspezifische Verhaltensmuster. Sie fühle sich durch den sogenannten Male Gaze – den gesellschaftlich antrainierten, oft bewertenden Blick auf den eigenen Körper aus der Perspektive eines Mannes – sofort unter Druck gesetzt und verliere zeitweise ihre mühsam errungene Selbstsicherheit.
- Das tragfähige soziale Netz als Alternative In einem existenziellen Krisenmoment sei nicht der potenzielle Liebhaber zur Stelle, sondern die langjährig aufgebauten nachbarschaftlichen und freundschaftlichen Beziehungen. Die Episode zeige, dass die oft weniger hierarchisierte, alltägliche und verlässliche Care-Arbeit eines polysekuren Netzes im Alter entscheidender sein könne als die erhoffte Verlässlichkeit einer romantischen Beziehung.
Einordnung
Die Stärke dieser ungewöhnlichen Episode liegt im methodischen Kniff, anhand einer Romanfigur klinische und gesellschaftliche Muster freizulegen. Das erlaubt eine ungewöhnliche Nähe und Differenziertheit in der Analyse von Verhaltensmustern – von Vermeidungsverhalten über Glaubenssätze bis hin zu Bindungserfahrungen. Die Konzepte „polysekures Netz" und „Komfortzone" werden entgegen einer verbreiteten Wachstumsrhetorik mit einer wohltuenden Akzeptanz für den eigenen Zustand verknüpft.
Das Gespräch operiert über weite Strecken innerhalb eines heteronormativen und westlich-mittelständischen Beziehungsmodells, das als implizite Normalität gesetzt wird. Andere Lebensentwürfe abseits von Ehe, Kleinfamilie oder der beschriebenen Hetero-Romantik werden nicht vertieft. Die psychologische Analyse der Figur ist aufschlussreich, bleibt aber ganz in der Perspektive von Ambauens Therapieschule verankert, ohne diese selbst zu kontextualisieren. Deutlich wird, wie unhinterfragt das Konzept des „gesunden Erwachsenen" genutzt wird – eine Normierung, die politische und soziale Zwänge bei der Lebensgestaltung ausblenden kann, wie Ambauen selbst bemerkt: „dass die Position in der Gesellschaft immer noch nicht als selbstverständlich genug wird".
Hörempfehlung: Eine anregende, praxisnahe Verknüpfung von Literatur und therapeutischer Reflexion für alle, die über Lebensentwürfe jenseits der romantischen Paarbeziehung im Alter nachdenken.
Sprecher:innen
- Sabine Meyer – Journalistin und Co-Autorin des Buchs „Beziehungskosmos"
- Felizitas Ambauen – Psycho- und Paartherapeutin, Co-Autorin von „Beziehungskosmos"