In dieser 2026 erneut ausgestrahlten Folge von The Take spricht Moderatorin Malika Bilal mit Hasan Piker, einem der erfolgreichsten linken Streamer der USA. Das Gespräch ist eingebettet in die politische Gegenwart: Soeben hat die US-Demokratische Partei ihren Bericht zur Wahlniederlage 2024 veröffentlicht, ohne die verheerenden Auswirkungen ihrer Gaza-Politik mit einem Wort zu erwähnen. Genau diese Leerstelle füllt Piker täglich auf seinem Kanal.

Der Streamer inszeniert sich als bewussten Widerspruch zum Klischee: Groß, muskulös und im Fitness-Fokus, verkörpere er äußerlich den Typus, den rechte Bewegungen für sich beanspruchen. Inhaltlich vertrete er jedoch einen antiimperialistischen Sozialismus, der junge Männer aus der „alt-right pipeline" herauslösen soll. Sein Erfolg zeige, dass diese Zuschauergruppe keineswegs für progressive Inhalte verloren sei – wenn man sie in ihrer eigenen Lebenswelt und Sprache abhole.

Zentrale Punkte

  • Fortschritt trotz Gegenwind Hasan Piker sehe sich als Teil einer winzigen Minderheit antiimperialistischer Stimmen, die bewusst gegen den dominanten US-Staatsdiskurs anspreche. Er berichte von massiven Anfeindungen, Swatting-Vorfällen, Inhaftierungen und täglichen Morddrohungen, weil er die offizielle Außenpolitik radikal in Frage stelle und als Verfechter einer sozialistischen Perspektive auftrete.
  • Der Bruch durch Gaza Nach dem 7. Oktober 2023 habe Piker ein Drittel seines Publikums verloren, weil viele selbsternannte Progressive nicht auf eine klare Benennung von 75 Jahren Besatzung und Apartheid vorbereitet gewesen seien. Erst Israels unverhohlene Kriegsführung habe dann zu einer breiten Verschiebung der öffentlichen Meinung geführt, die nun sogar konservative Kreise erfasse.
  • Unbrauchbare Politiker Die etablierten US-Demokraten hätten nicht verstanden, dass halbherzige Positionen zum Gazakrieg nicht mehr ausreichten. Pete Buttigiegs öffentliches Lavieren und die Weigerung von Bernie Sanders, das Wort Genozid zu verwenden, seien Belege dafür, dass die Parteispitze die moralische und politische Dringlichkeit des Themas für junge Wählerschichten grundlegend verkenne.

Einordnung

Die Folge gibt einen konzentrierten Einblick in ein Medienphänomen, das den herkömmlichen Politikbetrieb gezielt umgeht. Piker schafft es, seine Argumentationsweise nachvollziehbar darzulegen: Er verbindet Unterhaltung mit konsequenter Israelkritik und stilisiert die eigene Biografie als türkisch-amerikanischer Sozialist zum Gegenentwurf einer als selbstverständlich vorausgesetzten US-Überlegenheit. Das macht die Episode für ein Publikum interessant, das verstehen will, warum alternative linke Medienformate bei jungen Männern zunehmend an Einfluss gewinnen.

Kritisch bleibt die Rahmung des Gesprächs. Es handelt sich um kein journalistisch distanziertes Interview, sondern um die Plattform für einen politischen Akteur, der seine eigene Wirksamkeit belegen kann. Wenn die Moderatorin resümiert, die Wut des Streamers auf getötete Al-Jazeera-Kollegen sei „cathartic" gewesen, wird eine anwaltschaftliche statt einer fragenden Haltung erkennbar. So bleibt unthematisiert, dass Pikers Wutausbrüche nicht nur Ventil, sondern auch ein Geschäftsmodell sein könnten, dessen Polarisierungsdynamik selbst nicht unproblematisch ist. Das für seine Rhetorik zentrale Konzept des „Genozids" wird hier als moralisch eindeutige Tatsache gesetzt, ohne dass Piker dazu argumentativ herausgefordert würde.

Hörempfehlung: Wer nachvollziehen will, wie linke Gegenöffentlichkeit jenseits etablierter Medien funktioniert und wie sie gezielt die identitäre Ästhetik der „Manosphere" unterläuft, findet hier einen aufschlussreichen Einstieg.

Sprecher:innen

  • Malika Bilal – Moderatorin und Journalistin bei Al Jazeera, Host von The Take
  • Hasan Piker – Politischer Streamer und Kommentator, bekannt als HasanAbi auf Twitch