based.: Ulmen/Fernandes: Gilt die Unschuldsvermutung nicht mehr, Jenni Zylka? (118)
Berlinale-Kuratorin Jenni Zylka über den Fall Fernandes, toxische Männlichkeit und Machtstrukturen in Film und Gesellschaft.
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105 min read3900 min audioIn dieser Episode des Podcasts „Based.“ diskutiert der Moderator mit der Filmjournalistin und Berlinale-Kuratorin Jenni Zylka über die Vorwürfe der Schauspielerin Collien Ulmen-Fernandes. Im Zentrum steht die mediale und gesellschaftliche Debatte um Deepfake-Pornografie, mutmaßliche häusliche Gewalt und die Rolle von Tätern und Opfern. Das Gespräch weitet sich anschließend auf eine kulturhistorische Analyse des männlichen Blicks im Film aus, ausgehend von Zylkas Buch über Marilyn Monroe.
Dabei wird die juristische Unschuldsvermutung als grundlegendes rechtsstaatliches Prinzip gesetzt, während gleichzeitig eine strukturelle, geschlechtsspezifische Täter-Opfer-Dynamik als gesellschaftliche Realität unhinterfragt bleibt. Auffällig ist, wie der Diskurs um Gewalt fast ausschließlich über die binäre Kategorie der Geschlechterzugehörigkeit geführt und soziokulturelle Erklärungsansätze als unangefochtener Konsens präsentiert werden.
### Zentrale Punkte
* **Macht statt Sexualität**
Zylka argumentiere, dass sexualisierte Gewalt und Deepfake-Pornografie nicht in erster Linie sexuell motiviert seien, sondern vielmehr Instrumente der reinen Machtausübung darstellten.
* **Geschlecht als Tätermerkmal**
Die Konstante bei Gewalttaten sei weltweit das männliche Geschlecht, weshalb Zylka fordere, dieses strukturelle Problem in der Debatte deutlich offener und differenzierter zu benennen.
* **Der männliche Blick im Film**
Am Beispiel von Marilyn Monroe veranschauliche Zylka, dass die popkulturelle Sexualisierung von Frauenfiguren historisch oft auf einem nicht-konsensuellen Voyeurismus der Männer basiere.
* **Grenzen der Unschuldsvermutung**
Die Unschuldsvermutung sei ein wichtiges rechtliches Prinzip, das jedoch eine gesellschaftliche Solidarität mit potenziellen Opfern nicht ausschließe und den Rechtsstaat legitimieren müsse.
### Einordnung
Die Episode verknüpft aktuelle popkulturelle Skandale klug mit filmhistorischen Analysen. Dies hebt das Gespräch inhaltlich erfreulich vom bloßen Boulevard ab, da mediale Dynamiken durch Konzepte wie den "Male Gaze" oder "Upskirting" historisiert werden. Bemerkenswert ist in der Argumentationsstruktur jedoch, wie Kategorien wie toxische Männlichkeit oder das Patriarchat als naturgegebene Tatsachen vorausgesetzt und kaum kritisch hinterfragt werden. Der Moderator versucht zwar, Aspekte wie Täterprävention anzubringen, doch die Aufteilung von männlichen Tätern und weiblichen Opfern wird sprachlich als unausweichliches Schicksal dargestellt: „Man kann sich nicht entscheiden, nicht Opfer zu werden, ne?“. Wenn die ethnische Herkunft von Tätern angesprochen wird, umschifft Zylka rassistische Narrative, indem sie das Geschlecht als eigentlichen Faktor benennt. Wirkliche inhaltliche Gegenperspektiven zum feministischen Grundkonsens der Gästin fehlen im harmonischen Gesprächsverlauf jedoch vollständig.
**Hörempfehlung**: Die Episode lohnt sich für Zuhörer:innen, die sich für die kulturhistorischen Zusammenhänge zwischen aktuellen Deepfake-Debatten und der traditionellen Darstellung von Frauen im Film interessieren.
### Sprecher:innen
* **Benjamin Scherp** – Journalist und Co-Host des Podcasts
* **Jan Feddersen** – Journalist und Co-Host des Podcasts
* **Jenni Zylka** – Kultur- und Filmjournalistin, Autorin und Berlinale-Kuratorin