Die Wiener Festwochen widmen sich in ihrem 75. Jahr dem großen Überbau: der Religion. Intendant Milo Rau will mit dem Titel „Republic of Gods“ auf eine Zeit reagieren, in der autoritäre Politiker wie Wladimir Putin sich mit Kirchen verbünden und Tech-Milliardäre wie Peter Thiel plötzlich die Theologie für sich entdecken. Dass Glaube nicht nur Trost, sondern ein „großes Problem“ sei, wird in der Runde als Ausgangspunkt gesetzt, um den Zustand einer angeblich säkularen Gesellschaft zu vermessen. Es geht um die Wette, dass ein Kunstfestival der Ort sein kann, um den Vermischungen von Macht und Metaphysik etwas entgegenzusetzen. Strittig ist dabei vor allem, ob das Theater die Wirklichkeit nur verdoppelt oder sie tatsächlich durchdringen kann.
Zentrale Punkte
- Kunst als Tribunal gegen Obskurantismus Milo Rau sehe das Festival als Diskursraum, der sich nicht vor der Realität verschließen könne. Da Figuren wie Trump religiöse Rhetorik nutzten und der Iran eine „Gottesrepublik“ sei, müsse man die „Teufel unserer Zeit“ auf die Bühne holen und ihnen nicht ausweichen.
- Der Verlust der Anarchie Kulturjournalist Axel Brüggemann ziehe eine scharfe Trennlinie zu Künstler Christoph Schlingensief. Während Schlingensief die „Anarchie der Kunst“ direkt in die Welt entlassen habe, hole Rau die reale Show nur in den „Safe Room“ der Bühne – ein Spiel mit geringem Erkenntnisgewinn.
- Die Rückkehr der Metaphysik Falter-Kulturchef Matthias Dusini begrüße die Fokussierung auf Esoterik und Spiritualität. Die Linke habe sich zu sehr auf materialistische Bedingungen konzentriert und metaphysische Sehnsüchte vernachlässigt. Ein Festival müsse diesen oft belächelten Strömungen einen ernsthaften Raum geben.
Einordnung
Die Diskussion liefert eine lebendige und zum Teil sehr persönlich geführte Standortbestimmung eines Großfestivals, das um seine gesellschaftliche Relevanz ringt. Gerade der Kontrast zwischen Dusinis kulturtheoretischer Verteidigung des „Obskurantismus“ und Brüggemanns fundamentaler Kunstkritik macht das Gespräch hörenswert. Die Runde arbeitet sich nicht an oberflächlichen Skandalen ab, sondern legt das zugrunde liegende Problem offen: das Spannungsfeld zwischen politischer Intervention und ästhetischer Erfahrung.
Auffällig ist jedoch, dass die von Rau angestrebte „Öffnung des Diskursraums“ im Gespräch selbst kaum stattfindet. Echte Gegenpositionen – etwa von gläubigen Menschen, die sich nicht als Problem oder „Teufel“ sehen, oder von Kritikern des postkolonialen Blicks – sitzen nicht mit am Tisch. Die Prämisse, dass Religion im öffentlichen Raum primär eine Gefahr oder eine reaktionäre Machtgeste sei, wird von allen Beteiligten geteilt. Brüggemanns Einwand, dass diese Art von Theater die Form eines „Proseminars an der Universität“ annehme, bleibt als produktive Störung im Raum stehen. Sein zentraler Vorwurf lautet, dass die reine Inszenierung eines politischen Gewissens im Theater die Zuschauenden am Ende unverändert entlässt: „[...] und dann schließen wir das Buch und dann geht der eigentliche Kampf aber in unserer Wirklichkeit weiter [...]“
Sprecher:innen
- Milo Rau – Intendant der Wiener Festwochen, Schweizer Regisseur und Theatermacher
- Matthias Dusini – Kulturchef der Wiener Stadtzeitung „Falter“
- Axel Brüggemann – Kulturjournalist und Betreiber des Blogs „Backstage Classic“
- Raimund Löw – Moderator des Podcasts, ehemaliger ORF-Korrespondent
- Sarah Schauerberger – Theaterkritikerin für den „Falter“ (eingespielter Beitrag)